Die katholische Kirche macht es zumindest den Anhängern einer naturwissenschaftlichen Logik recht einfach eine kritische Distanz zum Glauben zu wahren und sich von fundamentalistischen Ansätzen zu distanzieren. Ein Beispiel war bisher der Umgang mit dem Kondom. Auch die teils bejubelte Lockerung des Verbots zeigt Facetten einer aus aufgeklärter Sicht verqueren Logik.
In “Die Bibel & Ich” versucht A.J. Jacobs die Bibel nach erzkonservativer Lesart zu befolgen. Ein Buch, dass zahlreiche Absonderlichkeiten aus dem Buch der Bücher aufzeigt – wie beispielsweise das Streicheln eines Taubeneis, das Begrüßen eines neuen Monats mit dem Blasen eines Widderhorns oder das Tragen von Bärten, besonderer Stoffe und ähnlichem. Andere Regeln der Bibel scheinen sinnvoll, doch in dem Buch wird Jacobs mit der Frage konfrontiert, welche Anmaßung es denn sei, als Mensch zu entscheiden, welche von Gottes Worten ernst zu nehmen seien und welche nicht.
Die Unterscheidung in “sinnvoll” und “nicht sinnvoll” ereilt den Großteil des katholischen Nachwuchses spätestens in der Pubertät bei der Konfrontation mit dem päpstlichen Verbot der Benutzung von Kondomen. Den meisten dürfte sich diese Frage erst gar nicht stellen, sie öffnet eher den Einstieg in Diskussionen über die Unfehlbarkeit des Papstes. In der Bibel selbst ist das Verbot nicht zu finden, die katholische Kirche leitet es aus der generellen Ablehnung von Verhütungsmitteln ab, da die künstliche Verhinderung der Kindszeugung nicht der Würde des Menschen entspräche. Auf das Aufzählen von Gegenargumenten verzichte ich an dieser Stelle.
Die Meldung, dass der Papst eine Lockerung des Kondomverbots befürworte, kam jedenfalls überraschend. Wenn es darum gehe, die Ansteckungsgefahr von Aids zu verringern, könne der Einsatz von Kondomen “ein erster Schritt sein auf dem Weg hin zu einer anders gelebten, menschlicheren Sexualität.” So die Worte des Papstes, laut deutschen Medienagenturen. Allerdings nur für begründete Einzelfälle und diese zeigen eine verquere Logik: Es geht um männliche Prostituierte, die das Kondom nicht zur Empfängnisverhütung nutzen würden, sondern nur zum Schutz vor Krankheiten. Der Akt an sich zwischen Männern ist natürlich weiterhin eine Sünde, ein Kondom verhindere aber die Gefährdung von Menschenleben, ohne in diesem Fall die Empfängnis zu verhüten. Der Einsatz eines Kondoms sei somit in diesem Fall “ein erster Schritt zu einer Moralisierung”.
Ein historische Wende, wie einige Zeitungen titeln, kann ich darin nicht wirklich erkennen. Das Deklinieren der eigenen Logik, die Abstufung in verschiedene Schweregrade und Milderungsstufen – in der “Sündenverwaltung” erinnert die katholische Kirche in ihrer Detailversessenheit an das deutsche Finanz- und Steuerwesen. Wie auch in zahlreichen anderen Bereichen, in denen theologische Detailfragen über Auslegungen und Interpretationen die Kirche beschäftigen. Es bleibt die Frage, ob es nicht besser wäre, den Blick auf das große Ganze und auf die Realität zu richten. “Er sagt, die Menschen machen einen großen Fehler, wenn sie eine gute Idee mit einer Glaubensstruktur versauen”, zitiert in “Dogma” der von Chris Rock gespielte 13. Apostel Rufus Jesus.
Aber, um in dem die eigene Logik des Vatikans umgebenden Rahmen zu bleiben, ein Satz aus der Bibel. Matthäus 5,20, die Bergpredigt: “Wenn eure Gerechtigkeit nicht weit größer ist als die der Schriftgelehrten und der Pharisäer, werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen.” Und ein weiteres Zitat, Matthäus 23,23: “Weh euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler! Ihr gebt den Zehnten von Minze, Dill und Kümmel und lasst das Wichtigste im Gesetz außer Acht: Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Treue.” Das in Dogma erdachte Zitat scheint vor diesen Sätzen zumindest nicht vollends abwegig, wie ich finde.
Doch zurück zu den Kondomen. “Sich auf Kondome zu konzentrieren bedeutet eine Banalisierung der Sexualität”, zitiert die Vatikanzeitung “Osservatore Romano” laut “katholisch.de” den Papst und wendet den Blick eben auf den großen Zusammenhang. “Diese Banalisierung ist genau die gefährliche Ursache für viele Personen, die Sexualität nicht mehr als Ausdruck ihrer Liebe zu sehen”, so das Zitat weiter. Diese Sicht der Kirche ist zumindest stringent, alleine auf die eheliche Treue im Kampf gegen HIV zu setzen aber wohl eher mit dem Begriff “realitätsfremd” beschrieben.
Doch unabhängig vom Kampf gegen Aids: Der Papst spricht von einer Humanisierung der Sexualität und meint dabei die Untermauerung der These, dass Sex der Fortpflanzung dienen müsse – auch in der Ehe. Wird dies mit einem Kondom verhindert ist Sex der kirchlichen Logik zu Folge scheinbar kein Akt der Liebe mehr. Eine Auslegung des Begriffs Humanisierung, die sicherlich nur bedingt für einen allgemein Konsens taugt. Zumindest, wenn man Humanisierung als etwas versteht, dass etwas für die Menschen angenehmer gestalten, es menschlicher machen soll.
» Meldung auf katholisch.de
» Meldung auf zeit.de
» Meldung auf spiegel.de
» wikipedia.de: Katholische Kirche und Kondom
» derwesten.de:Reaktionen auf Kondom-Vorstoß
» wikipedia.de: Infos zum Film Dogma