Ach, Frau Piel…

Ich bin doch eigentlich ein Freund des Öffentlichen Rundfunks. Aber wenn nun schon die Vorsitzende der ARD das „Geschäft“ in Interviews betont, sich mit Verlegern verbünden und als „Big Player“ im Medienbusiness auftreten will, dann läuft irgendetwas schief. Und zwar systematisch. Ein Kopfschütteln scheint zu oberflächlich.

Die ARD ist nach einer Aufstellung von mediadb.eu im Jahre 2009 mit 6,385 Milliarden Euro die Nummer 17 im Ranking der größten Medienkonzerne der Welt. Seit wenigen Tagen steht der Sendeanstalt mit Monika Piel die Intendantin des WDR vor. Zum Verglich: Mit „nur“ 2,612 Milliarden Euro steht die Axel Springer AG auf Platz 44. Das Wort von Frau Piel hat also Gewicht und es war gefragt, gleich zahlreiche Interviews gab es in den letzten Wochen in diversen Medien. Auf einige wies mich beispielsweise Dirk von Gehlen in seinen Digitalen Notizen hin. Aus diesen Interviews ergeben sich Fragen – und ein ungutes Gefühl.

„Man ist offensichtlich von Seiten der Verlage auf dem Holzweg, wenn man journalistische Inhalte kostenlos anbietet. Diese Kostenloskultur kann nicht Ziel führend sein. Das kann für die Verlage nur heißen, man muss dahin kommen, die journalistischen Inhalte zu verkaufen. Da sind kostenpflichtige Apps der richtige Anfang. Bei diesen fühlen sich die Verleger jedoch im Markt behindert. Wenn der Verlegerverband die Apps kostenpflichtig macht, dann werde ich mich auch vehement dafür einsetzten, dass unsere öffentlich-rechtlichen Apps kostenpflichtig sind“, so Piel in einem Interview mit der Frankfurter Rundschau.

Sätze, die eine genauere Betrachtung verdienen, nicht nur weil die Vorsitzende eines Qualitätsmediums im Interview mit einem Qualitätsmedium nicht nur mit einem Tipp-, sondern auch noch einem abschließenden Tempusfehler zitiert wird: Der Gebührenzahler hat beispielsweise für die Tagesschau schon bezahlt, soll aber noch einmal in die Tasche greifen. Warum? Frau Piel legt in dem gleichen Interview nach, als sie sich zu einer geplanten Sportschau-App äußert: „In so einer Situation können wir, die wir gebührenfinanziert sind, nicht sagen, bei den Kommerziellen kriegt ihr das alles kostenlos, bei uns, für die ihr Gebühren gezahlt habt, müsst ihr das noch mal bezahlen. Wir könnten das in dem Augenblick machen, in dem andere Angebote auch kostenpflichtig wären“. Auch hier: Warum? Zumindest Apple wird sich das nicht fragen, die verdienen an kostenpflichtigen Apps nämlich mit.

Doch, ist es Auftrag der ARD ja keine Konkurrenz zu Verlagen zu sein und selber als Big Player aufzutreten? Im Tagesspiegel ist von Frau Piel folgendes zu lesen: „Wir müssen auf allen Verbreitungswegen präsent sein und unseren Programmauftrag erfüllen.“ Auf Nachfrage, dass die ARD ja nicht auf Papier erscheine, fügt sie an: „Es geht um elektronische Vertriebswege.“ Gut, aber warum soll der Gebührenzahler dann noch einmal bezahlen? Geht es vielleicht nicht nur um die Grundversorgung der Bevölkerung, sondern um unternehmerische Ziele? „Ich kann mir gemeinsame Plattformen vorstellen, um unsere Inhalte zu vermarkten. Wir sollten das Online-Geschäft nicht nur den multinationalen Konzernen überlassen“, könnte eine Aussage von Piel im Tagesspiegel in diese Richtung interpretiert werden.

An dieser Stelle sei noch einmal ein kurzer Schwenk auf das Projekt „depub.org“ erlaubt. Die ARD wurde verpflichtet Informationsangebote nach einiger Zeit wieder aus dem Netz zu nehmen, sie sind danach unauffindbar. Bei depub.org werden diese aus zivilem Ungehorsam dennoch zur Verfügung gestellt. Denn, beim Depublizieren wird auf wirtschaftliche Interessen von Konkurrenten Rücksicht genommen, nicht aber auf die Bedürfnisse der Öffentlichkeit. Diese stehen aber eigentlich im Zentrum des Rundfunkstaatsvertrags. „Wer die Öffentlichkeit informieren will, muss das dort tun, wo sie sich aufhält. Heutzutage bedeutet das, im Internet präsent zu sein. Ob das privaten Verlegern, die dort nach Geschäftsmodellen suchen, passt oder nicht“, schreibt die Zeit in einem lesenswerten Beitrag und zeichnet ein Bild, das eigentlich das Selbstverständnis dieser Anstalten sein sollte. Auch hier drängt sich der Gedanke auf, dass nicht die Information – und meinetwegen auch die Unterhaltung – des Bürgers das Ziel – oder vorsichtig formuliert zumindest nicht das einzige Ziel – des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ist, den der Bürger per Umlage finanziert.

Doch nicht nur in diesen Bereichen der Interviews hätte ich mir gewünscht, dass die Fragezeichen tiefer gesetzt worden wären. „Den Geburtsfehler des Internets – kostenlose Inhalte – zu beseitigen ist aber schwierig und langwierig“, so Piel im Tagesspiegel. Kostenlose Inhalte sind kein „Geburtsfehler“ des InterNets, sondern der Motor für seine Entwicklung. Der unkomplizierte Zugriff auf dezentrale Informationen, der Gedanke, dass Gemeinschaft und ein Netzwerk der Wissenschaft mehr nutzen als Konkurrenz, das ist die Idee hinter dem InterNet, das einen neuen Kulturraum aufspannte. Einen Raum, in dem sich alle Facetten des gesellschaftlichen Lebens wiederfinden, von der Partnersuche über das Verbrechen hin zu Geschäften. Und in dem sich auch frühere Strukturen wiederfinden: Beispielsweise exklusive Inhalte, für die gezahlt werden muss, aber auch werbefinanzierte, bestens bekannt aus Funk und Fernsehen und auch von Gratiszeitungen u.ä. – doch zu der Umsonstmentalität hatte ich mich ja bereits im November hier ausführlich geäußert.

Daher an dieser Stelle stattdessen eine Empfehlung zum Weiterlesen, ein Rant von Mario Sixtus bei carta.info. „Niemand hat gesagt: “Mein Internet ist so leer, kann da nicht mal jemand Zeitungstexte oder so was reinkippen?“ Ihr seid freiwillig gekommen“, so Sixtus in Richtung der Verleger, denen er empfiehlt die Texte doch einfach nur weiter auf Papier zu drucken oder als Fax zu versenden. Mit Blick auf das Leistungsschutzrecht fügt er zudem an: „Eine Verleger-GEZ wollt Ihr euch zusammenlobbyieren. Einerseits. Auf der anderen Seite droht ihr mit rituellem Selbstmord, wenn die gebührenfinanzierte Tagesschau eine iPhone-App bereitstellt.“

Doch die Verlage und ARD scheinen sich anzunähern. Droht ein gemeinsames Kartell eben gegen diese bereits zitierten multinationalen Konzerne, denen das Online-Geschäft nicht überlassen werden dürfe? Und zwar nicht zu Gunsten der Information der Bürger oder anderer alberner Ziele, sondern um ein Geschäft zu machen – vorgeschlagen von der Vorsitzenden der ARD. Im Sinne des Bürgers wären vielleicht Ideen wie freie Inhalte unter offenen Lizenzen oder beispielsweise die Unterstützung nicht kommerzieller Angebote wie wikipedia. Aber, das wäre dann wohl kein gutes Geschäft, wenn etwas, das bezahlt ist, denen überlassen wird, die es bezahlt haben.

Und, nur am Rande, ich bin mir ganz sicher, google und die anderen Unternehmen, die verstanden haben, wie das mit dem Geld-Verdienen im InterNet funktioniert, die zittern schon, wenn die ARD, vielleicht auch noch das ZDF und die deutschen Verlage ihr geballtes Wissen zum Thema InterNet zusammenwerfen – mit Frau Piel an der Spitze. Es bleibt zu hoffen, dass sich vorher zumindest einer von ihnen vielleicht den wikipedia-Beitrag zum Thema InterNet und Geschichte des InterNets ausdrucken lässt und an die neuen Verbündeten faxt. Dennoch eins zum Abschluß als Erinnerung: Die Person, über deren Aussagen die meisten vermutlich gerade oberflächlich den Kopf schütteln, steht an der Spitze eines über 6 Milliarden Euro starken Imperiums. Eines gebührenfinanzierten Imperiums.

Nachtrag: Ebenfalls lesenswert zu diesem Thema:
Stefan Niggemeier: „Frau Piel, wir müssen reden“
neunetz.com. M. Weiß: „Wirre Aussagen zum Medienwandel von der neuen ARD-Vorsitzenden“
meedia.de: Eine Zusammenfassung, inklusive Nennung von unlesbar.de
Stefan Niggemeier: Wortmeldung ARD-Generalsekretärin Verena Wiedemann – „Zugang für alle”

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Über Christian Ciemalla

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4 Kommentare zu Ach, Frau Piel…

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  2. Christian Stein sagt:

    Dann doch lieber Emma Peel auf arte 😉

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