Werte Gäste, wir haben einen Elefanten gefunden!

Fast drei Wochen ist es her, da habe ich mich darüber aufgeregt, dass sich die deutsche Öffentlichkeit über zwei Namen ausschweigt. Am 10. Oktober wurden Marcus Hellwig und Jens Koch im Iran inhaftiert, sie waren ohne Journalisten-Visum eingereist. Die deutsche Öffentlichkeit verhielt sich ruhig, auch die Politik. “Das Schweigen der Partygäste über den Elefanten im Raum”, zitierte ich die NZZ damals. Nun wurde er entdeckt, anbei ein Stimmen-Potpourri dazu.

“Die Bundeskanzlerin tut alles, um in dieser schwierigen Angelegenheit hilfreich zu sein”, wird Regierungssprecher Christoph Steegmans am heutigen 4. Januar in der Bild zitiert, und weiter: “Merkel begrüße den öffentlichen Apell von Regierungsmitgliedern und Prominenten.” Die Bild am Sonntag, für die die beiden Reporter im Iran waren, hatte zwei Tage zuvor Statements von hundert Prominenten gebracht und der Angelegenheit damit im Neuen Jahr die Öffentlichkeit verschafft, deren Fehlen ich – hier nachzulesen – und andere, allen voran die NZZ, Mitte Dezember angeprangert hatten. Der erste Gedanke war ein “endlich”, der zweite ein “Warum erst jetzt?”

“Ich könnte in dieser Zelle keine drei Stunden aushalten”, erklärte Bild Briefeschreiber Franz-Josef Wagner am Montag. Es stellt sich die Frage, warum es dann fast drei Monate dauerte, bis er diesen Brief schrieb. Politik, Medien – alle hatten sich zuvor darum bemüht, das Thema nicht zu sehr in die Öffentlichkeit zu tragen. “Nicht Leisetreterei, sondern das Mobilisieren einer breiten Öffentlichkeit für die beiden Journalisten, um Druck auf das Regime im Iran zu machen, ist das Gebot der Stunde”, gibt Stefan Mappus, Ministerpräsident von Baden-Württemberg als einer der Prominenten in der Bild am Sonntag nun die neue Richtung vor. ARD-Programmdirektor Volker Herres fügt an: “Die beiden Reporter setzten auf die Kraft der Öffentlichkeit, jetzt muss unsere Öffentlichkeit sie befreien. Wir alle sind gefordert, der Kampf gegen Unrecht darf nicht aufhören.”

Dass beide mit einem Touristenvisum eingereist sind, und somit nach den Gesetzen des Iran nicht hätten journalistisch arbeiten dürfen – könnte entgegengehalten werden. “Übrigens bin ich auch schon mal ohne Visum in den Iran eingereist”, erklärt Peter Scholl-Latour, dass für eine unabhängige Berichterstattung dies nötig sein kann. Nobelpreisträgerin Herta Müller fügt an: “Mich erinnert das an die Schauprozesse der stalinistischen Diktaturen in Osteuropa. Auch damals war das Hinschauen des Westens bitter nötig. Und bis zum Zusammenbruch dieser Regime waren Verfolgte auf mutige Journalisten aus dem Westen angewiesen.” Schauspielerin Maria Furtwängler bringt es auf den Punkt: “Bei allem Respekt vor dem Rechtsempfinden anderer Kulturkreise dürfen wir dieses Unrecht nicht akzeptieren.”

“Einschüchtern, einsperren – das Arsenal von Machthabern, die sich vor unabhängiger Berichterstattung fürchten”, findet auch RTL-Chef Gerhard Zeiler klare Worte. “Tatsächlich aber werden in ihrem Land Journalisten verhaftet, Zeitungen verboten und Menschen, die nicht tun, als ihre Meinung zu sagen, eingesperrt”, betont Schrifsteller Ferdinand von Schirach. Der DGB-Vorsitzende Michael Sommer berichtet: “Dies reiht sich ein in eine ganze Reihe von Menschenrechtsverstößen des Iran, wie die Inhaftierung Tausender freier Gewerkschafter, von denen viele spurlos verschwunden sind.” Oscar-Preisträger Volker Schlöndorff fügt an: “Letzten Monat wurden zwei iranische Regisseure inhaftiert, mit “Schreibverbot” für 20 Jahre belegt.” Und Jürgen Trittin ergänzt: “Steinigungen, Folter und Unterdrückung gehören zum traurigen Alltag im Iran. Wer darüber berichten will, wird eingesperrt. Dazu dürfen wir nicht schweigen.” Moderator Frank Plasberg: “Jeder einzelne Tag ist für die Welt ein Beweis, dass der Iran ein Unrechtsstaat ist.”

Ich kenne die Hintergründe nicht, warum diese Stimmen erst nach drei Monaten laut werden oder warum die Namen der Reporter immer noch nicht in den Zeitungen genannt werden – in der NZZ oder von Ruprecht Polenz im Bundestag wurden sie genannt und sind ein offenes Geheimnis. Vielleicht wurde eingesehen, dass die Geheimdiplomatie keine Fortschritte bringt. Vielleicht waren es Erkenntnisse am Rande der kurzen Familienzusammenführung, vielleicht die Vorführung der zum Tode verurteilten Frau, die im iranischen TV angeblich freiwillig erklärte, sie würde ausgenutzt von denen, die über sie berichten wollten – ein widerlicher Vorgang. Dass sich die Stimmen vermehren, zu einem Chor werden, der auch internationalen Widerhall fand – mich beruhigt es. Auch wenn bei einigen Zitaten das Kopfschütteln einsetzt, wenn Herr Ahmedinedschad beispielsweise freundlich gebeten wird, doch mit einer Freilassung aus humanitären Gründen auch etwas für das Ansehen seines Landes zu tun. “Sie haben die einmalige Gelegenheit mit der sofortigen Freilassung zu demonstrieren, dass es sich bei der Kritik der Menschenrechtslage im Iran zu einem nicht unerheblichen Teil um Vorurteile handelt”, bringt Springreiter Ludger Beerbaum ein Beispiel für diese aus meiner Sicht völlig deplatzierte Unterwürfigkeit.

“Ein Mann, der sein Land totalitär regiert und dessen Bevölkerung unter demselben Terror zu leiden hat, wie die beiden zu Unrecht inhaftierten Journalistn, muss von der internationalen Gemeinschaft zur Rechenschaft gezogen werden, wenn er die Menschenrechte mit Füßen tritt”, so der Schauspieler Michael Degen mit klaren Worten, nicht nur in Richtung des Iran. Frank Plasberg gibt einen guten Rat: “Wenn Herr Ahmedinedschad nicht will, dass ausländische Journalisten die Verletzung von Menschenrechten im Iran anprangern, kann er das einfach dadurch verhindern, dass er diese Rechte nicht länger verletzt”. Und der Autor Bodo Kirchhoff fasst zusammen: “Eine Frau, die gesteinigt werden soll: unfassbar. Journalisten, die sich darüber informieren wollen, um uns zu informieren, einzusperren: das Letzte. Und sich in dieser Form zu empören, gar die Freilassung zu verlangen ist hilflos. Aber besser hilflos sein, als gar nichts zu sagen.” Das letzte Wort in diesem Bericht soll aber Udo Lindenberg haben: “Dürfen wir Erdbürger mit Blick nach vorn einmal darum bitten, doch nun endlich das Mittelalter zu beenden?!!!”

Weiteres Lesenwertes zu diesem Thema:
freeirannow: Über eine deutsch-iranische Kulturveranstaltung
amnesty.de über den Film: “Der Iran hat gewählt”
The Green Wave: Trailer für einen Film zur Oppositionsbewegung im Iran
wikipedia.de: Beitrag “Inhaftierung von Marcus Hellwig und Jens Koch”
NZZ: Aussenpolitische Profilierungen Berlins
Frankfurter Runschau: Foto vom Perso, aber der Name von “Jen Koc” bleibt geheim
unlesbar.de: Das Schweigen über den Elefanten im Raum

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Über Christian Ciemalla

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