Alice in Cardassiland

Was haben Alice Schwarzer und die Cardassianer gemeinsam? Im Zusammenhang mit dieser Frage über Äußerlichkeiten zu diskutieren, wäre unsachlich, denn damit das subjektive Wahrnehmungsvermögen betroffen. Nein, die Gemeinsamkeit zwischen der Herausgeberin der „Emma“ und dem kriegerischen „Star-Trek“-Volk aus dem 24. Jahrhundert scheint vielmehr das Rechtsverständnis zu sein.

„Das Rechtssystem der Cardassianer sieht es vor, dass Urteile bereits vor Beginn des Prozesses gefällt werden. Der Grundsatz „in dubio pro reo“ gilt im cardassianischen Strafrecht nicht“, erklärt Starfleet-Universe. Nur auf den ersten Blick scheint dies nichts mit Jörg Kachelmann zu tun zu haben. Am Ende eines langen Strafverfahrens – in dem Staatsanwaltschaft und Nebenklage Monate lang Zeit hatten, Beweise für die Schuld des Angeklagten zu finden – konnte das Gericht Kachelmann nach langer und sorgfältiger Prüfung die vorgeworfene Tat nicht beweisen. Dem Grundsatz „in dubio pro reo“ folgend entließ ihn das Gericht, es handelte sich ja nicht um ein cardassianisches, in die Freiheit.

„Wir sind überzeugt, dass wir die juristisch richtige Entscheidung getroffen haben. Befriedigung verspüren wir dadurch jedoch nicht. Wir entlassen den Angeklagten und die Nebenklägerin mit einem möglicherweise nie mehr aus der Welt zu schaffenden Verdacht, ihn als potentiellen Vergewaltiger, sie als potentielle rachsüchtige Lügnerin“, sagte der vorsitzende Richter Seidling in der Urteilsbegründung. Der Freispruch beruhe nicht darauf, dass die Kammer von der Unschuld Kachelmanns und damit im Gegenzug von einer Falschbeschuldigung der Nebenklägerin überzeugt sei, so der Richter. Es bestünden begründete Zweifel an Kachelmanns Schuld. Nach dem Grundsatz „in dubio pro reo“, im Zweifel für den Angeklagten, sei er jedoch freizusprechen, so die Berichterstattung des Spiegel.

Kurz gesagt: Niemand außer Kachelmann und der Nebenklägerin weiß, was passiert ist. Über weite Teile der Verhandlung war die Öffentlichkeit ausgeschlossen, um die Privatsphäre von Zeuginnen und der Nebenklägerin zu schützen. Außer den am Prozess unmittelbar Beteiligten hat also niemand ein Gesamtbild der Strafverhandlung und aller Aussagen bekommen. Auch Alice Schwarzer nicht. Gleichwohl kommentiert die Frauenrechtlerin heute in der Bild: „Was in diesem Kachelmann-Jahr mal wieder schmerzhaft klar geworden ist: Ein männlicher Angeklagter ist gesellschaftlich, medial, ja sogar juristisch viel stärker als so eine weibliche Nebenklägerin. Wer in diesem Fall auch nur erwog, die Ex Freundin könnte vielleicht die Wahrheit sagen, der wurde plattgemacht. Von einer echten Entscheidungsfreiheit der Richter kann unter solchen Umständen eigentlich nicht mehr die Rede sein. Egal, wie das Urteil ausfällt alle haben Schaden genommen. Allen voran der Rechtsstaat.“

Es ist unstreitig, dass es niemanden zufriedenstellt, wenn das angeklagte Tatgeschehen nicht aufgeklärt werden kann und entweder ein mutmaßliches Opfer wirklich Opfer eines schändlichen Verbrechens war, das nun ungesühnt bleibt, oder ein strafrechtlich unbescholtener Mensch in die Mühlen der Justiz geriet. Aber eine solche Aufklärung in einer „Aussage-gegen-Aussage-Situation“ ohne stichhaltige Beweise kann kein Rechtsstaat leisten. Für genau solche Situationen gilt der Grundsatz „Im Zweifel für den Angeklagten“, damit der Rechtsstaat eben keinen Schaden nimmt. Auf diese Grundregel wurde sich – übrigens länder-, kultur-, religions- und geschlechtsübergreifend – geeinigt. Jedenfalls auf der Erde des 21. Jahrhunderts. Mag sein, dass das auf Cardassia in 300 Jahren anders gehandhabt werden wird und Alice Schwarzer das gut fände. Sie war der Zeit ja immer schon ein wenig voraus.

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Ein Kommentar zu Alice in Cardassiland

  1. Felix sagt:

    Hierzu passend der Chuck-Norris-Fact des Tages von kress.de: Chuck Norris kann Alice Schwarzer stundenlang zuhören!

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