Der alte Mann und das Siemens E 10 D

Ich weiß, ich bin alt. Manchmal stolpere ich über etwas, suche ein wenig, finde ab und auch etwas, vereinzelt auch das Gesuchte und freue mich dann wie Bolle. Wie heute. Und nun liegt mein erstes Handy vor mir, ein Siemens E 10 D. Und ich habe einen Grund über früher zu erzählen, wie alte Männer das ja gerne tun.

„Ein Handy, wer braucht denn sowas“ – Siebzehn Jahre ist das her, mein halbes bisheriges Leben. Ich war grad in der Oberstufe angelangt und hatte beschlossen mich diesem Trend, denen sich die ersten gegelten Hemdträger – die nur darauf warteten, ihren Vertrag für ein Trainee-Programm bei einer lokalen Sparkasse zu unterschreiben – bereits an den Hals geworfen hatten, zu verweigern. Bis zum Ende des Abi hielt ich das durch, kurz bevor es zur Bundeswehr ging, ergab ich mich dann aber. Die Vorteile überwogen.

Der Vorteil damals: Im Notfall wen anrufen zu können. Was sollte ein Telephon auch sonst können? Ein Mobiltelephon ermöglicht es mobil zu telephonieren. Anrufbeantworter, natürlich kostenpflichtig, und SMS gehörten damals schon zur technischen Avantgarde. Es war eben das Jahr 1997 und es scheint mehr als nur fünfzehn Jahre entfernt. Wer mir damals gesagt hätte, dass ich heute mit meinem Telephon ein Photo von meinem ersten Telephon mache, es mir dann per e-mail sende und es in einem Blog im InterNet veröffentliche – ich glaube, ich hätte geantwortet, dass sich das mit den 19,2kb-Modem und auf so einer mailbox für die paar Leute, die sich da einwählen, doch nicht wirklich lohnt.

Handy 1997 Siemens E10D

Das Siemens E10D von 1997, zum Größenvergleich daneben eine 1-Euro-Münze

Aber zurück zum Handy. Es war – bzw. ist, denn es befindet sich in meinem eigenen Technikmuseum, sprich einer Kiste im Keller – ein Siemens E 10 D. Mit 165g und den Ausmaßen von 182, 59, 21mm scheint der technische Sprung zum heutigen iphone gar nicht so riesig. Für jugendliche Leser sei an dieser Stelle eingeschoben: Ja, Siemens hat mal Handys gebaut. Über die technischen Möglichkeiten brauche ich sicherlich nicht ausschweifend zu berichten, verweise aber beispielsweise auf die sicherlich einigen noch bekannte Meldung „Der SMS-Speicher ist voll“ – wer braucht auch schon mehr als 12 im Speicher.

Kurz, alles was Handys heute so können, konnte das damals nicht. Ich meine, es hatte nicht einmal einen Wecker oder einen Kalender. Damals war die große Neuerung, dass man Verspätungen ankündigen oder einen Treffpunkt verlegen konnte. Sprung in die heutige Zeit, am verganenen Wochenende versuchte ich genau dies – Antwort: „Wir sind hier in einem Irish Pub“. Meine Ortskenntnis in Göppingen, dem „hier“ am Wochenende, gleich Null. Aber kurz auf dem Handy getippt: „Irish Pub, Göppingen“ – glücklicherweise gab es nur einen – und dann der Linie gefolgt. Schöne neue Welt.

Vorteile hat es, unbestritten. Aber, umso interessanter, dass es auch damals ging – beispielsweise mit den Verabredungen oder auch mit der Navigation, damals wurden halt einfach Passanten gefragt. In der Schule wurden eigens entwickelte Gesellschaftsspiele – mit Ereigniskarten wie Fenster öffnen oder Melden und etwas sagen – zur Ablenkung genutzt, Telephonnummern wurden auf Feten auf Unterarme geschrieben, bei Jugendsünden war eigentlich nie ein Fotoapparat oder eine Videokamera zur Hand und in Cafes wurde sich einfach nur unterhalten. Ob es früher besser war, vermutlich nicht. Aber anders – frei nach Jochen Malmsheimer: „Früher war halt vieles früher.“

Und mal erleben, wie es früher war, ist natürlich auch „in“, n-tv.de berichtete beispielsweise in dieser Woche von einem einwöchigen Handyverzicht von 350 Gymnasiasten aus Hersbruck. Es klingt, wie eine Rückkehr in das Mittelalter. Und auf der anderen Seite errechnen die Weisen aus dem Morgenland unterdessen, wie hoch das Renteneintrittsalter in 50 Jahren sein wird. Auf meinem Siemens E 10 D hätten sie dies nicht berechnen können, aber wer hätte vor fünfzehn Jahren auch gedacht, dass die Rechenkapazität des Telephons nicht nur für einen Taschenrechner ausreicht, sondern gar dafür sich auf youtube Warnungen vor einer neuen Eiszeit aus dem Jahre 1997 anzuschauen, oder den jungen Andre Rieu im Im Krapfenwald. Halt eine andere Zeit.

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Über Christian Ciemalla

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11 Kommentare zu Der alte Mann und das Siemens E 10 D

  1. Felix sagt:

    Das Wort „getipped“ ist ja großartig 😀

  2. das ist dann wohl ein Tipp-Fehler im wahrsten Sinne des Wortes – ich hab es mal unauffällig korrigiert 🙂

  3. Felix sagt:

    Ach ja, mein erstes Handy war, zwei Jahre nach dir, auch ein Siemens. Das S35i, mit Fug und Recht Vorläufer der heutigen Smartphones. Mit 118 x 46 x 21 mm war es übrigens wesentlich kleiner und mit 99 Gramm auch leichter als mein jetziges Smartphone (123x68x12mm, 135 Gramm). Ich möchte mich zu der Aussage versteigen, dass mein jetziges Handy größer und schwerer ist als alle anderen mobilen Telefone, die ich besessen habe. Dabei ist es aber halb so dick. Und es kann mit Dingen umgehen, von denen man 1999 noch gar nichts wusste: Apps. Die würden auf einem Bildschirm mit 101 x 80 Bildpunkten aber auch kaum Spaß machen. Wobei, sechs Zeilen hatten damals Porsche-Charakter. „Das hochauflösende Display ist mit 101 x 80 Bildpunkten ausreichend groß“, lobpreist daher folgerichtig der Werbeprospekt.

  4. Maren sagt:

    Zum Glück bin ich nicht ganz so alt. Daher bekam ich im Jahr 2000 zu meinem 18. Geburtstag ein Nokia 6210 geschenkt – das erste ohne Antenne. Das war vielleicht doof – zu nem Telefon gehört schließlich eine Antenne! Die Mannensmann Sim – Karte steckt jetzt in meinem mittlerweile vorsinnflutlichem iPhone 3Gs…

  5. Olaf Nolden Olaf Nolden sagt:

    Das erste Handy…klingt fast so wie das erste Date. Ich erinnere mich komischerweise nicht daran, was für eine Marke mein erstes Handy hatte. Es lag im Supermarkt auf einer Europalette, fein gestapelt in Kartons und sollte 20 Mark kosten. Oder 40? Keine Ahnung, der Währungswechsel hat meinem Erinnerungsvermögen geschadet. Es war mit einer Prepaid-Karte ausgestattet und sollte dazu dienen, dass meine damals mal wieder schwangere Frau mich jederzeit erreichen konnte. Wir hatten zwar zu diesem Zweck so einen Messenger, mit dem man Pieps-Töne übermitteln konnte, aber ein Handy schien mir zweckmäßiger zu sein. Also holte ich direkt zwei Stück von dieser Palette runter. Sie hatten die Farbe grün, oben so eine kleine Plastik-Antenne und waren für mich der Sprung in die technische Neuzeit. Ich hatte mich immer gefragt, wozu ich ein Handy gebrauchen könnte und fand keine sinnvolle Anwendungsmöglichkeit. Das war was für Wichtigtuer. Aber so eine Schwangerschaft ändert doch so manchen Blick auf die Welt.

  6. Felix sagt:

    Mein S35i hatte auch keine Stummelantenne… ich hab aber ehrlich keinen Plan, welches nun das erstere war…

  7. Harry sagt:

    Ich hab mein erstes Handy – Siemens S6D heute beim Aufräumen entsorgt. Gekauft hatte ich es 1997 für eine Mark. Ich kam damals an einen Vertrag mit 10,- DM Monatsgebühr und glaub 40 Pfennig für jede vertelefonierte Minute. Ich scheute mich, einen 24-Monatsvertrag abzuschließen – tat es aber letztendlich trotzdem – da ich dachte, daß die ganze Handygeschichte noch viel billiger werden würde. Was ein Irrtum …. 😉

    Auch der Vorgänger des Telefons, ein „Pieper“ der Telekom namens „Scall“ flog heut in den großen Container.

    Schön, daß ich diese Zeiten noch miterlebt hab – schön aber auch, daß sie rum sind! 😉

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  10. Marcel sagt:

    Ich kann mich auch noch an mein altes Siemens erinnern. So ein Handy würde man heute nicht mal mehr im Traum nutzen, aber für die damalige Zeit eine tolle Entwicklung.

  11. Heinz Linden sagt:

    Eididei !!wollte nur mal nach schauen,ob es noch Akkus gibt fürs E 10 habe eins aus
    einem nachlass bekommen.fast noch nagel neu.Und jetzt stelle ich fest der knochen
    läßt sich noch laden.Das ist halt noch Qualität keine geräte bei denen nach garantie-
    ablauf die kiste defekt ist.

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