Gelebte Diskriminierung in Ostwestfalen: Nichttänzer sind auch Menschen

Sie sind eine Minderheit, die aber niemals aussterben wird: die Nichttänzer. Zugegebenermaßen fallen sie bei Saalfeiern auf, sei es durch ständiges Ausweichen oder, falls sie dennoch einmal auf das Parkett genötigt werden, durch torkelnde und unbeholfene Schrittfolgen, die aber keinesfalls alkoholbedingt sind. Die Nichttänzer sind nicht etwa respektlos oder unhöflich gegenüber dem Gastgeber, sie können und/oder wollen einfach nicht tanzen. Punkt.

Der nachfolgende, leicht subjektive Bericht, soll allen Tanzfreaks einen Einblick in das Seelenleben eines bekennenden Parkettdrückebergers vermitteln: Ich hatte eine Einladung bekommen. Tante Berta – die Großcousine der Oma meiner Freundin, also ganz enge Verwandtschaft – wurde 75. Am Samstag ist es soweit: Saalfeier. Ich kann sagen, dass meine Vorfreude nicht gerade mit Konfetti geworfen hat. Denn Saalfeier bedeutet Tanz. Und Tanz bedeutet für mich Albtraum.

Da meine Freundin aus ihrem Blickwinkel das Unheil kommen sah, wurde ich von ihr genötigt, doch wenigstens den Walzer- und den Einheitsschritt zu üben. Leider habe ich in etwa so viel Rhythmusgefühl und „Musik“ wie ein volles Fass Herforder Pils. Folglich trat ich ihr mehrmals auf die Füße, daneben oder stolperte. Jedenfalls wurde ein Kübel Häme über mich ausgegossen. Die Diskriminierung begann somit schon im Vorfeld der Megaparty. Nach einigen Minuten gab meine Freundin entnervt, enttäuscht und aggressiv auf. „Wie kann man nur so unmusikalisch sein? Tanzen ist doch so schön“, sagte sie ständig. Nur, was kann ich dafür? Macht man einem Blinden den Vorwurf, dass er schlecht sieht?

Doch es war unumgänglich, es wurde Samstag, es wurde 17.30 Uhr. Nach stundenlangem Händeschütteln beim Sektempfang, dem sich unweigerlich der Genuss des ostwestfälischen Nationalgerichts – Blumenkohlsuppe aus Maggi ohne Blumenkohl plus Schweinebraten plus Gemüseplatte plus Eis mit heißen Dosenfrüchten – anschloss, haute Live-Entertainer „Willi vom Rhein“, „Stanislaus aus dem Sudetenland“ – unverständlicherweise habe ich den berühmten Namen leider nicht mehr in Erinnerung – in die Tasten seiner verstimmten Orgel. Wenigstens die Stimmungslage hatte ich mit dem Instrument gemein.

Der Ehrentanz stand an. Durch eine perfekt getimte Flucht zur Toilette konnte ich diesem ersten Attentat entgehen. Doch schon jetzt wurde mir klar, dass dies so nicht den ganzen Abend weitergehen konnte, geheizt war dort nicht und die gefühlte Temperatur war nahe der Außentemperatur, die an diesem Tage bei -10 Grad lag. Also begab ich mich an die Theke. Dort, so schwor ich mir, würde ich mich nicht mehr wegbegeben. Schon kam die zweite Tanzrunde. Meine Freundin tanzte mit ihrem Vater. Ich hatte meine Ruhe, der Abend schien halbwegs glimpflich zu verlaufen.

„Der Herr dort an der Theke! Los, mitmachen!“ motzte es dann aber fingerzeigend aus dem Lautsprecher. Der „Original Böhmische Hinterwäldler“ schlug im Stile eines Animateurs eines Ferienclubs schonungslos aus dem Hinterhalt zu. Der Einheizer an der Orgel gönnte mir meine Theke nicht. Er musste mich aller Öffentlichkeit bloßstellen. Die Diskriminierung nahm so ihren Lauf. Irgendeine ältere Dame wollte mich zum Tanz nötigen. Ich konnte sie gerade noch mit den Verweis auf eine Fußverletzung abweisen.

Doch eine halbe Stunde später, als der Knaller des Abends, die Polonaise im Kreis – Damen gegen Herren und alle versehen mit Hütchen oder Pappnase – anrollte, war es um mich geschehen. Wie ein Stück Holz in der Brandung wurde ich hin und her gerissen. Ich verteilte zwar in dem sich anschließenden „Danz op de Deel“ und dem Ententanz einige taktische Fußtritte, doch ich kam nicht mehr weg. Stinksauer machte ich mich um 23 Uhr mit der Entschuldigung, aus aktuellem Anlass dringend einen wichtigen Aufruf schreiben zu müssen, auf den Heimweg. Was Tante Berta etwas angesäuert zur Kenntnis nahm.

Ich appelliere hiermit an alle dem Tanzsport Verfallenen: Seid tolerant gegenüber Nichttänzern! Auch sie sind Menschen mit elementaren Grundrechten. In Zeiten männerfreier Zonen in Universitäten muss es doch nicht auch noch zwangsweise nichttänzerfreie Feiern geben! Erhalten Sie die Theke als Refugium für diese bedrohte Spezies, lassen Sie Menschen dort einfach alleine stehen und in Ruhe, oder setzen Sie sich einfach hinzu.

Vielen Dank!

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3 Kommentare zu Gelebte Diskriminierung in Ostwestfalen: Nichttänzer sind auch Menschen

  1. Ich habe eine Abschrift bereits versandt, Samstag steht nämlich eine Hochzeit auf dem Programm 🙂

  2. Maren sagt:

    Keine Sorge Christian – auf Discofox zu Partyband-Mugge kann ich gut verzichten und werde mich ebenfalls an die Bar verziehen… 😉

  3. Felix sagt:

    Na prächtig 😀

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