„Sind das 5 oder 2 Cent?“ – Kampffliegen auf ostwestfälisch

Die nervliche Strapaze, die Männer beim Einkaufen durchmachen, ist mit der von Kampffliegern beim Einsatz zu vergleichen. Meint der Londoner Psychologe David Lewis und erläutert dies bereits 1998 im Spiegel-Interview. Doch hat er recht? Wir überprüfen die These anhand einer alltäglichen – zig mal erlebten – Situation in einem ostwestfälischen Supermarkt.

Es ist immer das gleiche: Entweder hat die Kassiererin beim Kunden vor mir einen Storno verursacht, die Kassenrolle ist leer, der neue „Kiwi-Buttercreme-Brotaufstrich-light“ ist nicht in der Kasse gespeichert oder jemand vor mir bezahlt auf die traditionelle ostwestfälische Art. Dieses Brauchtum wird vor allem von älteren Damen gepflegt: Die Kassiererin sagt: „neununddreißigsiebenundneunzig!“ – Die Kundin packt erst einmal alle Artikel schön langsam vom Band in den Wagen und die Tragödie nimmt ihren Lauf.

Die ältere Dame fingert ihre quadratmetergroße Tasche vom Haken vor dem Wagen. Sie öffnet diese und fördert eine Halbquadratmeter-Tasche zu Tage. Diese legt sie auf das Band, nestelt an dem Reißverschluss und breitet aus: Eine kleine Tasche, eine weiße Geldbörse, eine rote Geldbörse, ein Apfelschälmesser und zuletzt das Brillenetui – Lesebrille raus, auf Nase setzen, Messer und Geldbörsen wieder einzeln zurück in die Tasche legen.

Sie öffnet die kleinere Tasche und findet die schwarze Geldbörse. Bevor sie Reißverschluss Nummer 1 öffnet, der immer, wirklich immer klemmt, stellt sie eine gewagte These in den Raum: „Moment, ich hab es passend!“ Der Hauptakt der Tragödie beginnt: Der erste Zehner, auf Briefmarkengröße gefaltet, wird auseinandergeklappt. Dem zweiten Zehner folgt der erste Fünfer – alle ordentlich gefaltet und alles natürlich auch entsprechend kommentiert: „Ach so langsam gewöhnt man sich an das neue Geld. Früher waren Fünfmarkscheine so selten.“ Nach dieser Weisheit, die so sicher wie das Amen in der Kirche aus ihrem Mund sprudelt, legt sie zaghaft lächelnd den zweiten Fünfer auf den Tisch des Hauses.

Der klemmende Reißverschluss Nummer 1 wird zugezogen, Reißverschluss Nummer zwei geöffnet. Das Kleingeld. Die Tragödie neigt sich dem Höhepunkt entgegen: Drei Zweier, zwei Eurostücke und zwei 50 Cent-Stücke liegen nach wenigen Minuten in der Hand der Kassiererin. Die Dame fingert weiter. 20 Cent, 20 Cent, 10 Cent – „Reicht das?“ Die Kassiererin zählt nach, zur Vorsicht zweifach: „Nein, da fehlen leider noch fünf Cent!“

Eine gefühlte Ewigkeit später: „Sind das 5 Pfennige oder 2 Pfennige?“, fragt die Dame, ein kupfernes Geldstück der armen Angestellten unmittelbar vor deren Augen haltend. „Zwei Cent!“, kommt die Antwort der Kassierin. „Dann reicht´s doch nicht! Aber ich schau nochmal!“. Jetzt kommt die weiße Geldbörse (Rente) ins Spiel , danach die rote (Enkelgeld). Die Ausbeute: Zwei Centstücke. Also alles wieder zurück. Ein Centstück in die rote, eines in die weiße, den Rest in die schwarze Geldbörse. Dabei wäre es ein arger Verstoß gegen die Tradition, die Scheine nicht wieder auf Briefmarkengröße zu falten.

Zum Abschluss öffnet sie den Reißverschluss Nummer drei des schwarzen Portemoinnaies, der sich problemlos aufziehen lässt, holt zwei gebügelte Zwanziger heraus, steckt die drei Cent Restgeld in die Manteltasche. „Ach, hier hätte ich noch fünf Pfennige gehabt“, sagt sie und schiebt, nachdem sie bedächtig alle Taschen wieder in alle Taschen gesteckt und die Brille abgenommen hat von dannen – Realsatire nennen es die, die nicht in der Schlange stehen. Die, die dort stehen, nennen es Horror.

Doch, nun bin ich an der Reihe. Die Kassenrolle wird zunächst – wie üblich – gewechselt, ich bezahle meine Tiefkühlpizza und treffe die nette Dame im Bereich der Ausgangsschiebetür wieder, wo sie neben einer Artgenossin steht. Beide setzen eine korrekte Sperre, auf die jeder Handballtrainer stolz wäre. Was folgt ist, was zu jeder klassischen Tragödie gehört: Der Exodus, das Schlußlied des Chores.

„Bredenkötters Heinz hat ja nen ganz schäbbigen Grabstein!“ – „Ja, und Bredenkötters Alwine hat die Grabblumen von Netto-Markt wech. Hat mir Buschkämpers Martha erzählt. Die hat nämlich Fittken-Möller getroffen und der hat das genau gesehen, wie er sein Pfand wechgebracht hat. Der püttkert ja in letzter Zeit auch sehr viel, seitdem seine Jessika mit diesen Schwatten zusammengezogen ist, in ihrer Dach-Absteige hinten inne Siedlung…“

Ein Kampfflieger hätte jetzt Raketen zur Verfügung. Ich nicht. Insofern irrt David Lewis. Er hat einfach unrecht. Die Situationen sind nicht vergleichbar, in keinster Weise!

» Spiegel 52/98: Einkaufen: Extrem gereizt

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