“Eine Ära geht zu Ende: Danke, Michael Ballack!”

Fast ein Jahr war es ein Thema über das ich nur den Kopf schütteln konnte. Dabei war ich nie wirklich ein Fan von Michael Ballack, aber seine Leistung, sein Auftreten, es nötigte hohen Respekt ab. Heute hat er sich mit Anstand verabschiedet, aus einer unwürdigen Situation, in die ihn der DFB gebracht hat. Und die wieder einmal zeigt, dass Moral, Fairplay und all diese Worthülsen vor allem in den Sonntagsreden der Funktionäre zu Hause sind.

Ganz Fußball-Deutschland wollte Kevin Boateng lynchen, zumindest hatte es den Anschein. Dieser hatte Michael Ballack im Finale des englischen Pokals rüde gefoult, die Verletzung kostete Ballack die WM – und wir fragten uns schon, ob wir überhaupt noch nach Südafrika reisen sollen. Aber Sami Khedira sprang ein und bereits nach wenigen Spielen war für die deutsche Öffentlichkeit klar, wir brauchen Ballack gar nicht. Eine Aussage, die mich bereits während der WM in Rage brachte, schließlich spielte Khedira zwar ordentlich, aber keineswegs überragend.

Die offizielle FIFA-WM-Statistik weist für Khedira für die WM 2010 folgende Werte aus: 7 Fouls, 1 Gelbe Karte sowie 9 Torschüsse, von denen 2 platziert auf das Tor kamen und 1 den Weg ins Netz fand. Hinzu kommen 363 Pässe mit einer Quote von 76 Prozent und eine Gesamtdistanz von 78 Kilometern in 7 Spielen mit 608 Minuten Spielzeit und eben ein Tor im abschließenden Spiel um den dritten Platz. Werte, die sicherlich auch ein Michael Ballack erreicht hätte. Zwei Schüsse aufs Tor und einen Treffer, das ist beispielsweise alleine die Ausbeute von Ballack im WM-Halbfinale 2002 gegen Gastgeber Südkorea gewesen.

Zugegeben, 2002 spielten wir nur selten ansehnlichen Fußball. Ballack hatte das entscheidende 1:0 erzielt, wie schon zuvor gegen die USA, brachte Deutschland gemeinsam mit Oliver Kahn ins Finale, wo er fehlte – aufgrund eines taktischen Fouls und der daraus resultierenden Gelben Karte. Eine Karte, die Deutschland vielleicht den Titel kostete. Zuvor hatte Ballack die deutsche Elf mit drei Toren in den beiden Entscheidungsspielen gegen die Ukraine erst zur Endrunde gebracht. Bei der WM 2002, der EM 2004, der WM 2006 und der EM 2008 wurde er ins All-Star-Team berufen – mehr braucht es wohl nicht, um seinen Stellenwert zu beschreiben.

In einer funktionierenden Mannschaft kann jeder ordentlich mitspielen – eine vielleicht unfaire Spitze wäre es, hier auf Khedira bei der WM 2010 zu verweisen. Doch Ballack war einer dieser Spieler, die den Unterschied ausmachen, die Spiele drehen können. Freistöße, Distanzschüsse, Sololäufe oder Kopfbälle – mit purem Willen sorgte er für entscheidende Treffer. Doch trotz WM-Finale, EM-Finale, zweimal im Finale der Champions League – der große internationale Titel fehlt Ballack. Eine unvollendete Karriere, der der DFB nun auch noch einen finalen Fußtritt verpassen wollte. Ein 99. Länderspiel bot der Verband dem langjährigen Führungsspieler an, die 100 sollte es nicht geben.

“Die vergangenen Monate haben gezeigt, dass viele junge Spieler in den Blickpunkt gerückt sind und gute Perspektiven besitzen. Mit ihnen ist die Entwicklung der Nationalmannschaft seit der WM 2010 in Südafrika absolut positiv verlaufen”, führte Nationaltrainer Löw aus, dass jüngere Spieler ihm den Rang abgelaufen hätten. Das mag sein. Vor dem Start der EM-Saison sei “nun der Zeitpunkt gekommen, hier klar Position zu beziehen”. Das mag nicht sein. Dieser Zeitpunkt wurde längst verpasst, Ballack wurde gedemütigt. “Eine Ära geht zu Ende: Danke, Michael Ballack!”, so die Worte von Löw, doch die Taten in den letzten Monaten sprechen eine andere Sprache.

Härter als die Ohrfeige von Podolski im WM-Qualifikationsspiel dürfte Ballack das Vorpreschen und die unwürdige Diskussion um die Kapitänsrolle getroffen haben – auch aufgrund der fehlenden Unterstützung. Ungeschriebene Gesetze wurden dabei gebrochen und danach folgte eine weitere Demontage: Während Löw bei Podolski oder Klose immer wieder betonte, dass die Leistung im Verein nicht entscheidend sei, weil er wisse, was diese Spieler in der Nationalmannschaft bewirken können, wusste er dies ausgerechnet bei Ballack nicht. Nach der Verletzung sollte sich dieser wieder über gute Leistungen im Verein anbieten. Ballack schluckte und versuchte sich anzubieten.

Ein sinnloses Unterfangen, dies zeigte sich spätestens in den letzten beiden Qualifikationsspielen. Schweinsteiger verletzt, Khedira angeschlagen – doch eine Nominierung für Michael Ballack gab es nicht. Dabei wäre dies ein würdiger Abschied gewesen, der Leistungsträger hätte noch einmal helfen können – hätte danach erklärt, dass er sich auf die Aufgabe in Leverkusen konzentriert, bei Bedarf aber immer zur Verfügung steht. Eine Einwechslung gegen Österreich, neunzig Minuten im abschließenden Spiel gegen Aserbaidschan – auch die 100 Spiele wären noch erreicht worden und Ballack hätte auch ein Abschiedsspiel gegen Brasilien erhobenen Hauptes absolvieren können. Stattdessen spielte ausgerechnet Philipp Lahm auf für ihn ungewohnter Position im defensiven Mittelfeld. Das Signal unmißverständlich.

“Es ist für uns eine Selbstverständlichkeit, dass Michael Ballack als Nationalspieler in attraktivem Rahmen verabschiedet werden soll und wir ihm ein ehrliches Dankeschön für seine großen Verdienste um den deutschen Fußball sagen wollen”, sagte Löw nun. Eine weitere Ohrfeige, ein Almosen zum Abschied. Es wirkt wie Mitleid und es spricht für Ballack, dass er dieses Angebot ausgeschlagen hat – zumindest berichtet dies der SID. Das Spiel hätte weder Michael Ballack etwas gebracht, noch dem DFB. Schließlich hätte Löw gerade im Härtetest gegen Brasilien einen Akteur aufgestellt, mit dem er nicht mehr plant.

“Er hat eine Ära geprägt”, so Löw. Doch es ist ein neues Zeitalter angebrochen, zum einen sportlich aber vor allem im Umfeld. Eines in das ein nicht immer bequemer und eben nicht pflegeleichter und Ja-Sagender Spieler wie Michael Ballack nicht mehr passt. Offenkundig wurde dies bereits 2008, nach dem verlorenen EM-Finale geriet er mit Oliver Bierhoff aneinander. “Event-Manager” schrieb der kicker damals treffend, sprach von “entmündigten Spielern” und “Vorschriften, wie sie ein Lehrer vor einer Klassenfahrt erlässt”.

Events sind nicht die Sache von Michael Ballack und nichts anderes als ein Event wäre das 99. Länderspiel gewesen. Ballack hat sich dies erspart, nicht aus Trotz, wie jetzt vielleicht einige schreiben werden, sondern weil es nicht seine Art ist, bei solch einem Schauspiel dankbar zu lächeln. Danke Michael Ballack, danke für 98 unverbogene Länderspiele.

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10 Responses to “Eine Ära geht zu Ende: Danke, Michael Ballack!”

  1. monika barth says:

    Einfach nur klasse geschrieben.

  2. Daniel Berger says:

    Wirklich sehr lesenswert – dem kann ich wirklich 100% zustimmen

  3. matthias says:

    Treffender Text, gerade die letzten fünf Absätze treffen ins schwarze!

  4. isabella says:

    Guter Sachverstand und wirklich lesenswert.

  5. Halblinks says:

    grundsätzlich stimme ich dir zu, dass man die Klärung im Falle Ballack auch ehrlicher und rechtzeitiger hätte formulieren können und müssen.
    Ich bin in diesem ganzen Zusammenhang aber immer hin- und hergerissen, warum jetzt ausgerechnet für Michael Ballack andere Regeln gelten sollten. Ab welchen “Verdiensten” als Nationalspieler hat dieser denn auch in Zukunft ein Mitspracherecht, wenn es um seine etwaige Nominierung geht? Gehen wir mal davon aus, dass im Löw in den letzten Monaten in den diversen Gesprächen (die auch von BAllack ja nicht bestritten werden) erläutert, dass auf seiner Position die Konkurrenz von jungen Perspektivspielern so groß ist, dass er (Löw) Ballack nur dann wieder berufen könnte, wenn dieser sich durch entsprechende Leistungen empfehlen würde. Dann ist dies durchaus eine andere Situation als beispielsweise bei Klose (wo keiner eine vergleichbare Konkurrenzsituation wahrnehmen dürfte). Aus welchen Gründen auch immer aktzeptiert Ballack diese Sichtweise nicht und widerspricht Löw, der erneute Gespräche anbietet. Ballack bietet sich in Leverkusen aber eben auch nicht durch Leistungen an (Heynkes wird ihn auch nicht grundlos draussen gelassen haben).
    Was hätte jetzt passieren sollen? Löw “knickt ein” und nominiert Ballack entgegen der Konkurrenzsituation und seiner Konzeption als Bundestrainer? Bestimmt nicht, dann wäre die Möglichkeit der “Selbstnominierung” zukünftig ja jedem “verdienten” Nationalspieler offen. Das kann keiner wollen.
    Ich bin bei dir, dass sich durch die Verletztensituation ein Einsatz Ballacks in Aserbaidschan durchaus hätte ergeben können.
    Nur zum Zeitpunkt der ganzen Verletzungen war Ballack vermutlich längst aus dem Training und im Urlaub.
    Wer holt als Bundestrainer einen solchen Spieler zurück?
    Die Situation ist verfahren, das gebe ich zu. Allerdings hat sich Ballack seinerseits in der letzten Jahren in diversen Situationen auch nicht gerade als Weltmeister der Diplomatie erwiesen.

  6. Vorab, danke für die Kommentare und die vielen Likes :)

    Was wirklich vorgefallen ist, wird vermutlich keiner wissen. Der Kölner Express weiß heute die Wahrheit: http://www.express.de/sport/fussball/die-wahrheit-ueber-das-ballack-aus/-/3186/8570986/-/index.html, Draxler macht in der Bild das Ballack-Bashen auf: http://www.bild.de/sport/fussball/michael-ballack/alfred-draxler-ueber-abgang-des-dfb-kapitaens-18416016.bild.html und der hat zuvor in seiner ersten Stellungnahme http://www.kicker.de/news/fussball/nationalelf/startseite/554061/artikel_ballack_an-scheinheiligkeit-nicht-zu-ueberbieten.html zurückgeschlagen …

    Vielleicht hat der DFB auch wirklich intern versucht alle Brücken zu bauen und Ballack wollte die Realität nicht wahrhaben. Ich bin davon alles andere als überzeugt, aber selbst wenn, es wäre dennoch ein Kommunikationsdesaster. In dem Fall hätte der DFB sich halt dieses halbgare Gesülze und das Angebot ersparen und klare Kante machen sollen. Dieses “In unseren Gesprächen hatte ich den Eindruck, dass Michael durchaus Verständnis für unsere Sichtweise hat” war doch vorhersehbarer Sprengstoff.

    Unabhängig von der sportlichen Seite und der Schuldfrage, da trennen sich die Wege des weltgrößten Fußballverbands und eines deutscher Spitzenspieler und Aushängeschilds des letzten Jahrzehnts. Und trotz Medienberatern auf beiden Seiten bekommt man es nicht hin, das Ganze nach Außen so zu kommunizieren, dass da keiner sein Gesicht verliert.

    Zumindest brauchen wir uns keine Gedanken machen, ob die Sportteile der Zeitungen in den nächsten Wochen noch genügend Füllmaterial finden. Wo ist eigentlich das Popcorn :)

  7. Ach, und doch noch ein kleiner Nachtrag zum Sportlichen. Wiegesagt, ich plädiere keineswegs für eine Sonderrolle für Ballack. Aber weder Klose noch Podolski haben sich über die Saison im Verein aufgedrängt und Ballack hatte zumindest noch den Sonderfall gleich zweier schwerer Verletzungen in dieser Saison. Und, bei Arne Friedrich hat es auch dazu gelangt, in den Quali-Spielen noch mal aufzulaufen. Der steht nun auch nur ganz bedingt für den neuen deutschen Fußball :)

  8. Pingback: Krisengewinnen mit Social Media | unlesbar.de

  9. Pingback: Balla-Ballack

  10. hier finden sich noch einige nette zusätzliche Gedanken zu dem Thema:
    http://www.magda.de/76/artikel/ballack/

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