Im US-Bundesstaat Nevada ist es gesetzlich verboten, auf dem Highway ein Kamel zu reiten. Kamele wurden Mitte des vorletzten Jahrhunderts als billige Lasttiere in die USA eingeführt. Das benannte Verbot ging vermutlich mit dem politisch gewollten Siegeszug der Eisenbahn einher. Doch, hier soll es um eine andere Form der Fortbewegung gehen, Autos und Zweiräder. Beides ist Frauen in Saudi-Arabien quasi verboten, weil es als einziges Land des Planeten Frauen keine Fahrerlaubnis erteilt. Für den 17. Juni wird nun via facebook und twitter zum “zivilen Ungehorsam” aufgerufen. Gegendemonstranten haben unterdessen angekündigt, autofahrende Frauen schlagen zu wollen.
Der Staat Saudi-Arabien existiert seit 1932 in Form einer absoluten Monarchie. Staatsreligion ist der Islam. Im Zuge der Erdölfunde rückten ab Mitte der 1950er-Jahre “westliche” Lebensweisen und Haltungen stärker in den Vordergrund, 1963 wurde beispielsweise die Sklaverei offiziell abgeschafft, was den reichen Teil der Bevölkerung aber offenbar seither nicht davon abhält, besonders Ostasiaten im großen Stil als Hausangestellte auszubeuten. Saudi-Arabien gilt gemeinhin als fortschrittlich, zu einem “aufgeklärten Volk” scheint aber noch ein weiter Weg. Doch es gärt in der islamischen Welt und das “Tauwetter” lässt auch Saudi-Arabien nicht völlig kalt.
Eine historische Einordnung dieses Aufbegehrens: Schon 1929, drei Jahre vor der Gründung des Staates, wurde in Saudi-Arabien ein erstes Aufbegehren blutig niedergeschlagen. Die Wahhabiten wollten damals Krieg gegen die Briten führen um Iran und Kuwait zu erobern. Als das Nomadenvolk keine Ruhe gab, ließ Staatsgründer Abd al-Aziz Ibn Saud den Aufstand mittels britischer Maschinengewehre und Panzerwagen kurzerhand niedermetzeln. Der Staatsgründer ist längst verstorben, ein Aufstand scheint aber nicht ausgeschlossen. Seit 1992 erkennt Saudi-Arabien zwar de iure die Menschenrechte an, befolgt diese nach Angaben von Amnesty International jedoch unzureichend.
Frauen spielen im öffentlichen Leben Saudi-Arabiens keine Rolle. Vor allem sie erfahren die Unterdrückung des Staates, vorgeschoben wird der Islam, ausgelegt ausgerechnet nach dem besonders strikten Wahhabismus: Die Frau soll sich verhüllen, um fremde Männer sexuell nicht zu verleiten. Bildung wird nicht als wichtig erachtet, die Schulen sind strikt nach Geschlechtern getrennt, Frauen haben kaum Chancen. Immerhin tut sich wieder etwas: König Abdullah eröffnete 2009 die erste Universität, an der Männer und Frauen gemeinsam studieren. Freilich dürfte Englisch als Sprache der dortigen Kurse nur für Frauen der Oberschicht eine überwindbare Hürde darstellen.
In den frühen 80er-Jahren war Saudi-Arabien einmal weiter in Sachen Menschenrechten. Damals beschritten etwa gleich viele Frauen wie Männer den höchsten Bildungsweg. Heute aber überwiegt die Angst vor den Lastern des Westens, dieses Beharren auf traditionellen Werten geht auf Kosten der Freiheit.
Doch die Oberklasse wirkt allmählich wieder moderner. Das für den 17. Juni geplante Aufbegehren macht dabei an einem weit profaneren Statussymbol als der Bildung fest: Dem Auto. Frauen wollen aus dem Bild der Saudi-Herrscher ausbrechen und mehr als nur den Haushalt führen und die Kinder nach dem entsprechenden Menschenbild erziehen. Und sie wollen Autofahren.
Auslöser für die “Demonstration” am 17. Juni ist die zweimalige Verhaftung einer jungen Frau durch die Religionspolizei binnen zweier Wochen, die sich über das Fahrverbot hinweggesetzt hatte. Die Verhaftete selbst, Manar Al-Sherif, war daraufhin im Netz aktiv geworden und hatte die Kampagne “Women2Drive” gegründet, die sich über facebook und twitter verbreitet.
König Abdullah wird aufgefordert, das Autofahren für Frauen zu erlauben. Es wäre ein Stück Freiheitsgewinn. “I believe the day will come when women will drive”, hatte Abdullah 2008 in einem Interview gesagt. Entscheidend: Er kann entscheiden, ob es den historischen Zwiespalt zwischen Staatsgründung und Staatsreligion weiter geben soll. Das Reiten von Kamelen ist Frauen in Saudi-Arabien übrigens erlaubt, das steht so im Koran, gleich welcher Exegese.