Ich hab letztens erst “Die Pest” von Albert Camus als Hörbuch genossen, stolperte aber aktuell aus einem anderen Grund über den französischen Schriftsteller. “Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen”, heißt es bei Camus. Ein Satz, der immer wieder gerne aufgegriffen wird. Zu oft für Harald Martenstein, der erklärte: “Ich kann mir die nicht alle vorstellen, es sind einfach zu viele.”
Müssen wir uns Martenstein als glücklichen Menschen vorstellen? Nach Martenstein müssen wir das nicht, dürfen es aber vielleicht. Der inflationäre Gebrauch lässt die Kraft des eigentlichen Satzes verblassen. Und ob wir uns, wie Martenstein in seiner Kolumne bei zeit.de sammelt, Bill Gates, den Bachelor, Herrn Ruggaber, Martina Weyrauch, den Zombie, Jesus, den Melancholiker und Homer Simpson als glückliche Menschen vorstellen müssen, sei dahingestellt. “Ich kann mir die nicht alle als glückliche Menschen vorstellen, es sind einfach zu viele”, so jedenfalls Martenstein, der für die Freiheit plädiert und gegen das Müssen.
Der Mensch muß nicht viel, Sterben gehört zu den wenigen unumgänglichen Pflichtaufgaben. Camus starb als Beifahrer, er saß im Sportwagen – einem Facel Vega – von Michel Gallimard, des mit ihm befreundeten Neffen seines Verlegers. Die französische Karosse mit einem 360 PS starken amerikanischen Motor schleuderte auf der Fahrt nach Paris von der Straße, als Grund vermutet wird ein geplatzter Reifen, und gegen einen Baum. Camus ist sofort tot, der Fahrer verstirbt zehn Tage später im Krankenhaus. Der Schriftsteller stammte aus einfachen Verhältnissen in Algerien, stieg auf zum französischen Klassiker. Doch das nur am Rande, weiteres zum Leben von Albert Camus gibt es bei zeit.de.
“Es gibt kein Schicksal, das man durch Verachtung nicht überwinden kann”, schreibt Camus selbst im Mythos des Sisyphos. In seiner Philosophie steht das Absurde im Mittelpunkt, es ist die Erkenntnis, dass all dem Leid und Elend in der Welt kein Sinn abgewonnen werden kann. Der Mensch strebt nach Sinn, findet in der sinnleeren Welt aber keinen. Der ins sinnlose Leben geworfene Mensch besitzt, nach Camus, aber Freiheit. Diese kann er zu einer inneren Revolte nutzen – wie Sisyphos, der eine absurde Aufgabe hat und sich selbst in der Auseinandersetzung mit dieser Aufgabe einen Sinn setzt. “Der Kampf gegen Gipfel vermag ein Menschenherz auszufüllen”, heißt es so auch direkt vor dem zentralen Satz des Buches.
Sisyphos war ein Aufsässiger und überlistete in den griechischen Mythen mit seiner Verschlagenheit die Götter, brach die Macht des Todes – mit der Hilfe des Alkohols – und führte Hades hinters Licht. Er landete dann aber doch im Totenreich der Unterwelt, wo er mit der Strafe belegt wurde, einen Felsbrocken einen steilen Hang hinaufzurollen. “Doch wenn er ihn über die Kuppe werfen wollte, so drehte ihn das Übergewicht zurück: von neuem rollte dann der Block, der schamlose, ins Feld hinunter”, heißt es in Homers Odyssee. Sisyphos begibt sich zum Felsbrocken und beginnt erneut.
Diese Sisyphosarbeit ist es, die nach Ansicht von Camus, die Figur der griechischen Mythologie zum glücklichen Menschen macht. “In diesem besonderen Augenblick, in dem der Mensch sich seinem Leben zuwendet, betrachtet Sisyphos, der zu seinem Stein zurückkehrt, die Reihe unzusammenhängender Handlungen, die sein Schicksal werden, als von ihm geschaffen, vereint unter dem Blick seiner Erinnerung und bald besiegelt durch den Tod”, so Camus weiter. “Abgesehen von dieser einzigen fatalen Unabwendbarkeit des Todes ist alles, sei es Freude oder Glück, nichts als Freiheit. Es bleibt eine Welt, in der der Mensch der einzige Herr ist”, heißt es, ebenfalls im Mythos des Sisyphos.
“Il faut imaginer Sisyphe heureux”, so übrigens der Wortlaut im französischen Orginal, das Müssen könnte auch als “Es ist nötig” oder als “Wir sollten” übersetzt werden. Das “Muss” mit dieser Konnotation hat bei Camus seine Bedeutung, diese fehlt aber gerade bei den meisten, die sich an diesen Satz anlehnen. Wir müssen uns Bill Gates und all die anderen bis hin zu Harald Martenstein nicht als glückliche Menschen vorstellen, wir können. Das ist die Freiheit, die Camus propagierte. Und in Camus Sichtweise wären wohl auch nur die wenigsten der Menschen, die wir uns als glücklich vorstellen sollen, auch wirklich glücklich. Absurd.