Offene Schnittstellen versus facebook

Ein Blick auf den Namen hätte uns doch warnen können: „Soziale Netzwerke“. Das englische „Network“ macht es deutlich, das Netz soll nämlich arbeiten. Dazu passt auch das „sozial“, schließlich heißt es von Seiten der Politik ja immer wieder, dass sozial sei, was Arbeit bringe. Und die Netzwerke produzieren etwas, das bereits vor dem Platzen der ersten großen Blase als Goldgrube im InterNet galt: „User generated Content“. Warum mühevoll selbst Inhalte erstellen, wenn es der Anwender doch selbst übernimmt. Damals wurden Foren an Newsseiten angegliedert, bei sozialen Netzwerken findet dieser Ansatz seine Perfektion.

Seitenaufrufe sind eine Währung im InterNet, gehandelt werden sie, wie in der Medienbranche üblich, in TKP – Tausender-Kontakt-Preisen. Facebook liegt bei den Seitenaufrufen auf Platz 2, noch liegt Google knapp davor. Schon jetzt rufen laut alexa.com 43 Prozent der an einem Tag online aktiven Nutzer die Seite auf. Eine Größenordnung, die für ein vernünftiges Auskommen halbwegs ausreichen dürfte. Doch TKP ist nicht gleich TKP, wichtig sind auch die Prozentwerte der Clicks. Wie bei Magazinen ist Werbung umso teurer, je definierter die Zielgruppe ist. Zielgruppen zu erkennen und Werbung passend zu steuern erhöht die Einnahmen.

Daraus erwächst der Wunsch, den Leser genauer kennenzulernen und zu kategorisieren – das Sammeln von Daten beginnt. Nicht aus dem Wunsch heraus, das Angebot besser auf ihn zuzuschneiden oder anzupassen, sondern aus dem Antrieb heraus die Werbung genauer zu adressieren, höhere Clickraten und somit höhere Preise pro Tausend Aufrufe zu erreichen. Die Daten an Dritte weiterzugeben, sorgt für weitere Einnahmen. Dies muss nicht personalisiert geschehen, sondern kann auch in Form anonymer Cluster erfolgen. Welche Alters- und Sozialstruktur haben meine Fans auf facebook, die vermutlich zugleich auch Kunden sind? Diese Information dürfte jeder Firma ein wenig Geld wert sein – nicht umsonst bezeichnet facebook laut Richard Gutjahr selbst gegenüber dem Kunden dessen Daten als geistiges Eigentum von facebook und zählt sie zum Betriebsgeheimnis.

Solche Entwicklungen sind zwangsläufig, zumindest unter der Prämisse, dass der Betreiber des Netzwerks die Absicht hat einen möglichst großen Gewinn zu erzielen und die Nutzer es sich gefallen lassen. Insofern erstaunt mich die aktuelle Welle der Personen, die ihren Abschied aus facebook erklären – ihnen schien der Preis, den sie für die Nutzung bisher bezahlten, nicht bewusst gewesen zu sein. Diesen Ansatz verfolgt auch Andre Vatter in seinem Artikel facebook ist einfach zu teuer. Warum es teurer wird, ist beispielsweise bei netzpolitik.org nachzulesen. Die Hoffnung vieler scheint zu sein, dass facebook wieder billiger wird, um wieder neue Anreize zu setzen – sprich sich an den Datenschutz zu halten und generell ein wenig sozialer mit seinen Nutzern umzugehen. Oder ein anderes Netzwerk günstiger ist bzw. wird, meine Hoffnungen ruhen dabei beispielsweise auf diaspora.

Dazu ein kurzes Abschweifen: Ich habe mittlerweile ein zweites facebook. Ich werde via rss-feed über neue Beiträge von Freunden in ihren Blogs aufmerksam gemacht und bekomme via twitter „Statusmeldungen“ und Links auf interessante Artikel im Netz. Das Prinzip des RSS, mit einer offenen Schnittstelle ist aus meiner Sicht das optimale. Ich entscheide nicht nur, was ich sende, sondern auch mit welchem Programm ich sende und lese. Denken wir uns eine Erweiterung um eine „Short-RSS“-Funktion, um zwischen Beiträgen und Statusmeldungen zu unterschieden sowie eine Möglichkeit den Adressatenkreis zu beschränken und schon wäre die Kernfunktionalität abgebildet. Gut, fügen wir noch eine dritte RSS-Leitung für „Likes“ hinzu, aber dann reicht es doch.

Beiträge und Gedanken lassen sich auf einer eigenen Webpräsenz viel besser verfassen, und mit 1-Click-Installationen oder Lösungen von gehosteten Seiten wie bei wordpress ist es technisch kein Problem mehr, sich einen Platz für die Grundfunktionen wie das Schreiben von Beiträgen und das Uploaden von Bildern einzurichten. Dort ergibt sich dann auch eine „Timeline“, die auch mit Apps verknüpft werden könnte, wenn diese offene Schnittstellen zur Verfügung stellen, und die man teilen und verknüpfen kann – schließlich gehört der Link zur grundsätzlichen Triebfeder des InterNet. Ein wenig mehr Aufwand als bei facebook ist es schon und natürlich fehlen auch die so wichtigen Funktionen wie die „Farm“ und der „Zoo“, aber dafür wird der Nutzer mit individuellen Freiheiten und mit Unabhängigkeit sowie Selbstbestimmung belohnt. Frei nach Kant: Der Ausgang des Users aus seiner selbstverschuldeten digitalen Unmündigkeit.

Bei facebook und google+ bin ich übrigens auch – allerdings seit jeher mit dem Bewusstsein des Preises und des Nutzens, vor allem in Form des Verweises auf von mir erstellte Inhalte auf Seiten wie unlesbar.de. Also eher als Werkzeug und mit dem Ansatz, dass ich alles, was ich dort poste als öffentlich erachte. Ich entscheide nicht, mit wem ich etwas teile, sondern nur ob. Denn, wer sagt mir, dass facebook oder jemand, der das System technisch aushebelt, nicht diese Inhalte später gegen mich verwendet, oder es einer der Adressaten über eben diesen hinaus weiterträgt – vielleicht auch nur aus Unwissenheit oder Versehen. „Kreise“ oder „Gruppen“ benutze ich eher, um von mir gepostete Informationen auch nur an die Personen zu senden, die sich dafür interessieren könnten.

Zudem ergibt sich eine weitere Möglichkeit, die Sammelwut zu unterlaufen, Ansatzpunkt ist die Validität. Das zeigte mir amazon, dessen Algorithmen bei meinen eher diffusen Lese- und Musikinteressen seit jeher ihre Probleme hatten. Ich finde immer ein Buch, das ich gebrauchen kann, das wissen Familie und Freunde. Es kommt daher vor, dass ich auf Anfrage CDs für andere mitbestelle, damit diese Porto sparen. Nun weiß amazon aber nicht, welche CD oder welches Buch für mich ist und welche ich für jemanden mitbestelle, die Algorithmen – so gut sie auch sind – laufen aufgrund der fehlerhaften Grundmenge ordentlich ins Leere. Ähnliches wäre auch bei facebook möglich, einfach mal falsche Orte oder Interessen eintragen und sich freuen, dass die Werbung fortan zwischen Eintrittskarten für Metal-Festivals und Strickanleitungen pendelt.

Wirklich Bewegung in die Sache dürfte aber erst dann kommen, wenn auch große Anbieter verstehen, dass sie mit einer Lösung mit offenen Schnittstellen, wie oben vorgestellt, facebook gemeinsam Konkurrenz machen können. Warum soll ich mich bei facebook einloggen, wenn ich meine Timeline auch bei gmx oder web.de nutzen kann, auf der Seite meiner Tageszeitung oder meiner eigenen Website. Das wäre ein Gegenentwurf, der nicht nur komfortabler wäre sondern auch die Nutzer von facebook an Punkten abholen würde, die schon jetzt auf Widerstand stoßen: Das Einheitsdesign, mit einer vorgegebenen und immer wieder scheinbar planlos geänderten Struktur, und den Datenschutz. Um den Bogen zu schlagen, auch ohne genau definierte Zielgruppen – also Blick in die Inhalte – dürften die zu erwartenden Seitenaufrufe eigentlich auch für einen entsprechenden Anreiz sorgen.

» Linkübericht zu aktuellen facebook-Debatte bei „Kaffe bei mir?“

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Über Christian Ciemalla

"Als Gründer des Projekts handball-world.com bin ich über die Jahre mit dem Web verwachsen..." Mehr: ciemalla.de oder twitter.com/ciemalla
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