Überwachung, die Betroffenensicht

In der Diskussion um den Staatstrojaner gibt es die Stimmen der Freiheit und die Stimmen der Sicherheit. Anne Roth öffnet nun in einem interessanten Beitrag auf „Der Freitag“ eine weitere Ebene: Die Sicht einer Betroffenen. Die Sicht einer überwachten Person.

Unabhängig von der eigenen Meinung in der Diskussion, der Text ist lesenswert – alleine aufgrund des anderen Blickwinkels. Anne Roth geriet in die Überwachung, weil es Ermittlungen gegen ihren Lebensgefährten, den Berliner Soziologen Andrej Holm, gab. Sie bloggte in der Zeit der Überwachung regelmäßig über ihre Erfahrungen und Empfindungen, die Einträge sind auch heute noch unter annalist.noblogs.org nachzulesen.

Ihr Lebensgefährte wurde verdächtigt einer militanten Gruppe anzugehören. „Das BKA war auf Holm durch eine Internetrecherche zu bestimmten Stichworten aufmerksam geworden, die auch die „militante gruppe“ in ihren Bekennerschreiben benutzt, unter anderem „Gentrification“ und „Prekarisierung“. Daraufhin wurde er über ein Jahr observiert“, so die taz 2007 zu den Ermittlungen, einen kurzen Abriss dazu gibt es bei wikipedia.de. Das Verfahren gegen Holm wurde übrigens im Juli 2010 eingestellt.

Doch auch unabhängig von dem speziellen Fall, die allgemeine Floskel „Ich habe nichts zu verbergen“, funktioniert nach dem Lesen des Textes zumindest bei mir nicht mehr. Denn natürlich verändert sich das Verhalten unter Beobachtung, spätestens in dem Moment, wo sich auch in der Privatsphäre die Frage gestellt werden muss, wie das andere jetzt vielleicht interpretieren und ob diese anderen das jetzt als Bestätigung für ihren Verdacht sehen.

Der Text bietet zudem auch weitere interessante Aspekte wieder, wie die Argumentation für eine Verschärfung der Überwachung. Einfach lesen!

Leseempfehlung:
» freitag.de: Bitte recht freundlich

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Über Christian Ciemalla

"Als Gründer des Projekts handball-world.com bin ich über die Jahre mit dem Web verwachsen..." Mehr: ciemalla.de oder twitter.com/ciemalla
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3 Kommentare zu Überwachung, die Betroffenensicht

  1. Felix sagt:

    Du bist dir darüber im Klaren, dass du nun überwacht wirst, weil du in deinem Blogbeitrag die Wörter „Gentrification“ und „Prekarisierung“ verwendet hast, gell? Ich bin dessen jedenfalls gewahr, ich habe sie ja in meinem Kommentar hier auch verwendet. Und wenn sie sich doch irgendwie auslesen lässt, haben sie auch gleich meine Mailadresse 🙂 – Dear father, under no circumstances dig up that garden or let anyone else do so.
    It’s in the garden that i have buried the Thing…

  2. Ich gebe zu, das hatte ich gar nicht einkalkuliert. Mit dem Risiko kann ich aber leben. Ich frage mich, was das BKA eigentlich macht, wenn alle Blogger in Deutschland mal die komplette Liste verdächtiger Wörter auf ihrer Seite posten? 🙂

  3. tschill sagt:

    Gerade eben Hitchcock’s „The wrong man“ gesehen. Mußte dabei an den Text von Anne Roth denken. Als die Frau des fälschlich Verdächtigen von seiner Verhaftung erfährt, sagt sie: „I expected something like this.“ Sie meinte natürlich, daß sie mit etwas Schlimmen rechnete, als er wegen der Verhaftung von zu Hause fernblieb, ohne eine Nachricht zu hinterlassen. Nicht auszudenken, was bei den möglichen Überwachungsmaßnahmen man heutzutage daraus bei der Staatsanwalt machen würde.

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