Wissenschaft heißt Wissenschaft, weil sie Wissen schafft. Allerdings steht in der deutschen Bildungspolitik viel mehr das Wissen selbst als die Instrumente zum Erlangen dessen im Mittelpunkt. Selbst Experimente sind meist nur ein Nachbauen und blenden sowohl den kreativen Teil aus, wie auch das Scheitern. Schreiben wollte ich darüber bereits seit einiger Zeit, daran erinnerte mich gerade ein sehenswertes Video.
Isaac Asmiov werden – wenn überhaupt – einige vielleicht als Science-Fiction-Autor kennen, er schrieb allerdings auch lesenswerte und vor allem unterhaltsame Sachbücher. Eines, das ich in der Jugend verschlang war “Wenn die Wissenschaft irrt”. In ihm finden sich zahleiche Anekdoten, wie beispielse der angeblich erste Einsatz des Isotopentracings: Als der Chemiker Hevesy der Anekdote nach der Wirtin seines Gasthauses mit dieser Methode nachwies, dass sie die Reste der Sonntagspastete unter der Woche wiederverwendete.
Das Kapitel, das mir allerdings am deutlichsten in Erinnerung blieb, ist allerdings das letzte, das dem Buch auch den Namen gab. Ein Literaturstudent hatte Asimov geschrieben, um ihm Nachhilfe in Naturwissenschaften zu geben. Dieser belehrte den renommierten Wissenschaftsautor, dass die Leute in jedem Jahrhundert der Meinung gewesen wären, dass sie das Universum verstünden und die Menschheit keineswegs – wie von Asimov beschrieben – im 20. Jahrhundert einigen Grundprinzipien des Universums auf die Schliche gekommen sein – gemeint hatte dieser die Relativitäts- und die Quantentheorie.
Soweit, so streitbar. Doch der Student erklärte, er leite daraus ab, dass das einzige was wir über unser heutiges Wissen sagen können sei, dass es falsch ist. “Sehen Sie, das Grundübel besteht darin, dass die Leute immer glauben, richtig und falsch sind absolute Begriffe; dass alles, was nicht hundertprozentig richtig ist, absolut falsch ist”, so Asimov in seiner Replik. Er macht bereits die frühkindliche Bildung als Urheber dieses Missverständnisses aus, ein Beispiel bei ihm ist: 2+2, einzig korrekte Antwort ist “4″. Ob die Antwort “4,01″, “5″, “17″, “Pi” oder “lila” ist, wird nicht unterschieden. Dabei kann 2+2 auch “11″ sein, wenn man das Trialsystem mit der Grundzahl 3 verwendet, oder mit etwas Phantasie auch “22″.
Oder, auf die menschliche Evolution bezogen: Zunächst wurde eine die Erde als Scheibe gesehen. Der Grund, die Krümmung ist nicht zu sehen und der Horizont legt diesen Schluss nahe. Die Erdkrümmung ist zwar nicht null wie bei einer Scheibe, aber fast null – so falsch ist die Grundannahme also nicht, auch wenn sie beispielsweise Aristoteles bereits 350 v. Christus hinterfragte. Der griechische Philosoph Eratosthenes propagierte gut hundert Jahre später, dass die Erde eine Kugel mit einem Umfang von 40.000 Kilometer sei, Krümmung: 0,000126. Die Erde ist aufgrund der Eigenrotation aber keine Kugel, sie ist ein “abgeflachter Sphäroid”, Krümmung zwischen 0,00012587 und 0,00012663.
Nach neuesten Messungen ist der Ausbuchtung im Süden allerdings etwas “bauchiger”, dabei ging es aber um eine Krümmungsabweichung von Millionstel Zentimetern. Kurz: Ein Grundkonzept wird immer weiter verfeinert, sich der Lösung immer weiter angenähert und dabei werden die Schritte bei jeder Stufe immer kleiner. Die aktuelle Theorie wird vermutlich auch noch weiter verbessert, der aktuelle Stand ist deswegen aber nicht falsch, er ist nach Asimov “unvollständig”. Ich finde diesen Denkansatz einer Differenzierung von Fehlern elementar. Doch, bevor ich mit Blick auf die Ausgangsstreitfrage in Richtung einer einheitlichen Feldtheorie, die Relativitäts- und Quantentheorie vereint, abdrifte, endlich zum Video.
Gefunden habe ich das Stück natürlich bei den bereits mehrfach empfohlenen scienceblogs.de. Statt wie in einem Kochbuch Experimente nachzubauen hat ein Vater sich mit einer Frage seiner Tochter in wissenschaftlicher Manier auseinandergesetzt. Es ging darum, was Krebse im Winter machen. Es wurde eine eigene Versuchsanordnung gebaut, ein iphone wasserdicht verpackt und mit Köder ins Wasser gelassen. Die Videoaufnahme blieb aber schwarz, eine Tauchkamera brachte dann zwar etwas Licht, doch keine Krabben. Aber, einfach selbst anschauen.
Zugegeben, es gibt natürlich Spektakuläreres auf youtube. Aber, es ich finde es nicht nur unterhaltsam, sondern halt auch den richtigen Ansatz. Denn, wer mit Lego nur nach dem vorgegebenen Plan baut, legt nur bedingt die Grundlagen für ein späteres Ingenieurstudium und das Abtippen von Codezeilen macht keineswegs gleich einen Programmierer. Malen nach Zahlen ist halt eben keine wirkliche Kunst und, mal ehrlich, das Video ist sicherlich auch Beleg dafür, dass Vater und Tochter einigen Spaß mit der Wissenschaft hatten.