Wasserball und Juche-Ideologie – Nord-Korea einmal sportlich

Nord-Korea war auf unlesbar.de schon mehrfach ein Thema. Diesmal geht es um einen sonderlichen Sonderweg auf sportlichem Terrain, der aber auch eng mit der von Staatsgründer Kim Il Sung, Vater und Vorgänger des kürzlich verstorbenen Kim Jong Il, entwickelten „Juche-Ideologie“ zusammenhängt. Mit dem internationalen Sport verträgt sich diese Idee der Autarkie und des überhöhten Nationalismus allerdings nicht, auch nicht im Wasserball.

Vielleicht gibt es nicht nur Wasserball und Kommunismus, so der Titel eines Films des italienischen Regisseurs Nanni Moretti, sondern auch Wasserball und Juche-Ideologie. Zumindest wird das Ball- und Mannschaftsspiel der Schwimmer anscheinend auch im poststalinistischen Nordkorea – oder der „Demokratischen Volksrepublik Korea“ wie das dieser Tage abermals vieldiskutierte Land in deutscher Übersetzung offiziell heißt – immer noch gespielt.

Diese überraschende Erkenntnis und andere Blicke auf die älteste olympische Mannschaftsportart können dem neuen Blog des früheren sowjetrussischen Olympiasiegers Erkin Shagaev entnommen werden. Dieser hat in dem nach außen weitgehend isolierten Land im Auftrag des Weltschwimmverbands FINA im Jahre 2009 einen mehrtägigen Trainerlehrgang in der dortigen Hauptstadt Pyöngjang abgehalten und darüber einen Artikel North Korea a blast to the past verfasst.

Das internationale Fachportal waterpolo-world.com schätzt, dass die Sportart in etwa 140 bis 150 Ländern betrieben wird – dieses allerdings in recht unterschiedlicher Intensität und Form. In Deutschland geschieht dieses zumeist immer noch zum überschaubaren Monatsbeitrag des örtlichen Sportvereins. Ebenso wissen die Fans der US-Kultserie „O.C., California“, dass in Südkalifornien Wasserball in zahlreichen Highschools gespielt wird und zumindest in den oberen Mittelschichten einen beachtlichen Stellenwert besitzt, der sogar bis zu den begehrten Universitätsstipendien in Stanford und Berkeley reicht.

Außerhalb der westlichen Welt ist die Sportart vielfach ähnlich exotisch wie Eishockey, was in den meisten Ländern nicht nur fehlender Popularität, sondern auch den oftmals recht kostenintensiven Sportstätten geschuldet ist. Dort wird diese zumeist nur an wenigen Standorten betrieben, wobei dieses nicht zwangsläufig „Vereine“ im deutschen Sinne sind: Neben staatlichen Sportzentren können dieses auch recht exklusive Privatklubs sein; anderenorts erfährt die Sportart in Anlehnung an britische Vorbilder durch (Privat-)Schulen eine gewisse Verbreitung.

Dass Wasserball auch in Nord-Korea gespielt wird, ist auf den zweiten Blick dann allerdings nicht ganz so überraschend: Nach dem Zweiten Weltkrieg hat die bis dahin vornehmlich in Europa und der angelsächsischen Welt praktizierte Sportart auch in den Staaten des Ostblocks bzw. der „Zweiten Welt“ weitere Verbreitung und dank frühzeitiger staatlicher Unterstützung auch einige Erfolge erfahren. So haben neben der Sowjetunion und dem bereits in der 1920er Jahren erfolgreichen Ungarn ebenso Rumänien, Kuba, Bulgarien sowie bis 1969 auch die DDR für internationale Aufmerksamkeit in der Szene gesorgt – allerdings wurde den Spielern des ersten Arbeiter- und Bauernstaats auf deutschem Boden trotz zweier EM-Medaillen in den 1960er Jahren dann allerdings durch den berüchtigten Leistungssportbeschluss des SED-Politbüros vom 8. April 1969 regelrecht das Wasser abgelassen.

Der in der nordkoreanischen Staatsideologie verinnerlichte Rückgriff auf nationale Quellen und internationale Abgeschiedenheit vertragen sich allerdings mit den Erfordernissen der Sportart Wasserball nicht, sofern internationale Topresultate angestrebt werden. Nordkoreas Künstler mit dem gelben Kunststoffball vermelden mit zwei vierten Plätzen bei den auf dem heimischen Kontinent recht populären Asienspielen sogar auch Teilnahmen bei einem Großereignis des Weltsports, allerdings datieren beide bereits auf die Veranstaltungen von 1974 und 1978 – oder den Jahren 62 und 66 des Juche-Kalenders.

Interessanter erscheint daher die Erkenntnis, dass die Sportart dort trotz der dramatischen ökonomischen Schwierigkeiten des Landes offensichtlich immer noch betrieben wird. Ein Potemkinsches Dorf scheint die von Shagaev besuchte Veranstaltung nicht gewesen zu sein: Der Lehrgang wirkte in sich stimmig; Aufwand und Ertrag hätten zudem bei einer Randsport und lediglich einem Dozenten vor Ort auch keinesfalls in einem vernünftigen Verhältnis gestanden. Shagaev verrät in seinem Beitrag allerdings praktisch nichts über die Rahmenbedingungen der Sportart vor Ort – und bestätigt damit unbeabsichtigt einmal mehr, wie abgeschlossen dieses rätselhafte Land nach außen ist.

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