Erst gehste bei, später dann wirste beigesetzt

In Hannover wird angeblich das feinste Hochdeutsch gesprochen, Siggi und Raner stellten dies unter Beweis. Meine Anhängerschaft zum “Frühstyxradio” hab ich ja schon mehrfach auch hier betont, für entsprechende Trauer sorgte daher die heutige Nachricht über den Tod eines der Macher: Jochen Krause wird nicht mehr als Siggi jemeinsahm mit Raner an ihn saan Platz an Tresen “Bei Atze” hin.

Als “Kneipenphilosophen” wurden sie zumeist angekündigt, bei wikipedia findet sich die Formulierung: “Insbesondere parodieren sie den in Vokabular, Duktus und Färbung typischen Unterschichten-Jargon der Region Hannover-Braunschweig-Hildesheim bzw. den typischen Arbeiter-Soziolekt des Stadtteils Hannover-Linden.” Sogar ein Tonarchiv mit hannöverschem Platt initiierte Krause, Belege für das spitze “St” und das schleppende “Ah” gibt es auf wir-sind-hannoveraner.de.

Deutschlandweit schlug sicherlich sein Anruf als Stimmenimitator des Crazyphone bei Ypsilanti die größten Wellen. Mir gefiel der Anruf als Calmund bei Bundestrainer Jogi Löw 2007 aber noch besser. Er empfahl Löw den Seidenschal wegzulassen, weil Löw damit aussehe wie eine „Schwabentucke“. Was sogar zu einer – erfolglosen – Klage des DFB führte. Ich erinnere mich aber vor allem an Jeansjacke und Ballonseide und aktuell auf die Vorfreude auf die Neuauflage der Revue “Von Linden bis nach ’n Kröpcke hin” im März.

Das Leben zwischen Kneipe, Baumarkt, Kiosk, Kleingartenverein und Bushaltestelle wurde verdichtet bis nichts mehr reinging. “Dichter dichten – wir haben nur verdichtet”, heißt es in einer Selbstvorstellung bei siggiundraner.de, wo sich beispielsweise auch als Hintergrund für die 4. CD “Muss ja” findet: “Ich war, wie früher, unterwegs in diversen Kneipen und habe mir Stories erzählen lassen. Herr Bertram von der ” Arbeitsgruppe Lebendgebärende Zahnkarpfen” hat mir ausführlich über seine Arbeit mit Zierfischen berichtet, und Fans haben mir Kassetten und CDs geschickt mit Mitschnitten aus ihrem Bekanntenkreis.”

Mir wird nicht nur ein – hier aus dem Gedächtnis zitierter – Satz immer in Erinnerung bleiben: “In Hannover repariert man nicht sein Mofa, da geht man bei und guckt und dann geht man bei und schraubt.” So viele Floskeln sind zur Selbstverständlichkeit geworden, dass ich gar nicht mehr weiß, ob es sie vorher schon gab, oder ob sie erst durch Siggi & Raner bekannt geworden sind. “Freundschaft”, “Nach em Sportverahn hin”, “Luft aus em Glas lassen” und so weiter. Oder alleine die CD-Titel “Is doch goch kan Thema!”, “Nur die Harten komm’ in Garten”, “Eins, zwei, viertel vor drei!”, “Muss ja” oder “na sicher!”.

Auf der Facebook-Seite von Siggi und Raner steht ein Satz, den ich nur unterstreichen kann: “Siggi, hoffentlich biste gut nach’m Himmel hingekommen und jetzt baa ‘nem Herri baa…” Mein Beileid an die Angehörigen und Freunde und alle, denen der Tod wie mir nahe geht. Ich werde heute Abend eine CD von Siggi und Raner einlegen, n Bier aufmachen und Lächeln, wenn ich das altbewährte “Froindschaaft” höre. Und, selbst für den letzten Satz hat auch wieder Siggi die passenden Worte gefunden: “Erst gehste bei, später dann wirste beigesetzt. So ist das Leben…”

About Christian Ciemalla

"Als Gründer des Projekts handball-world.com bin ich über die Jahre mit dem Web verwachsen..." Mehr: ciemalla.de
This entry was posted in Nostalgie and tagged , , , , , . Bookmark the permalink.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>