Ein Bundesligist hat sich von seinem Trainer getrennt, keine besondere Meldung an sich. Zumal nicht nur mir die Zusammenarbeit von Pauli-Trainer Holger Stanislawski und dem Hopp-Club TSG 1899 Hoffenheim von vorneherein als Missverständnis erschien. Doch diese Entscheidung offenbart mehr: Mit der Entscheidung habe die TSG “vielen Fans den letzten Grund, für das ohnehin mit Argwohn beobachtete Hoffenheimer Fußballprojekt Sympathien zu entwickeln” genommen, schreibt die Hildesheimer Allgemeine in einem Kommentar und trifft damit ins Schwarze.
Von der Kreisklasse hatte der Weg der TSG 1899 Hoffenheim in die Regionalliga geführt, dank der finanziellen Unterstützung von SAP-Gründer Dietmar Hopp. Diesen Abschnitt hatte der Verein vor allem mit jungen Spielern aus der Region bestritten, ein Projekt, dass durchaus Sympathien hervorrufen konnte. Diekholzen ist zwar ein wenig größer als Hoffenheim, aber auch hier gab es diese Gespräche. Stunden nach dem Spiel noch im Trikot, mit einem Bier in der Hand und den Blick auf den Gegenhang – wie gemalt für eine Zehntausende fassende Naturtribüne. Keine Frage, wenn einer mal “richtig vollsteckt”, dann würde das “Im Sundern” vorangehen.
In Hoffenheim hatte einer Geld und nahm es in die Hand. Irgendwann kamen die ersten Profispieler, der Verein spielte in Regionalliga oben mit, gab sich aber noch das Image des anderen Clubs. Als Ralf Rangnick 2006 Trainer wurde, da war noch die Rede von der Jugendförderung und der wissenschaftlich konzipierten Trainingsarbeit, vom Fokus auf deutsche Nachwuchstalente, die in Hoffenheim eine einzigartige Förderung erhalten sollte. Der Aufstieg in die 2. Bundesliga gelang aber vor allem auch dank gestandenen Spielern wie Francisco Copado und Jochen Seitz. Dass die 2. Bundesliga nur eine Durchgangsstation war, auch eher eine Kostenfrage: Der Verein gab alleine ungefähr so viel Geld für Neuverpflichtungen aus, wie der Rest der Liga zusammen.
Mit Marvin Compper und Andreas Beck schafften zwei Spieler zwar den Sprung in den Kader der Nationalmannschaft, doch das Image eines Talente fördernden Ausbildungsbetriebs ist längst dem Bild eines von einem Mäzen abhängigen Wirtschaftsbetriebs gewichen. Compper und Starke sind weiterhin die Vorzeigetalente, beim 2:2 gegen Augsburg standen mit dem 31-jährigen Tom Starke und Peniel Mlapa noch zwei weitere Akteure, die für die deutsche Nationalmannschaft spielberechtigt wären, in der Startformation. Auch wenn mit Vukcevic und Weis zwei deutsche Nachwuchstalente eingewechselt wurden, das Image als Ausbildungsverein haben längst andere besetzt, der Hoffenheimer Kader hebt sich nicht wirklich von dem des durchschnittlichen Bundesligisten ab.
Kurz, der Verein besetzt kein Thema – zumindest kein positives. “Dietmar Hopp” und “Fehlende Tradition” dürften bei einer Umfrage nach mit der TSG Hoffenheim verbundenen Begriffen wohl am häufigsten fallen – auch bei Fans, die nicht generell jegliche Mäzenatum kritisieren, oder Anhängern die sich aufgrund der teils deutlich überzogenen Schmähplakate sogar auf die Seite Hopps schlugen. Zu ungeschickt agierte der Verein, nicht nur in der “Beschallungsaffäre” oder durch den polternden Manager Tanner. Hopp kritisierte den Trainer beispielsweise direkt vor einem entscheidenden Spiel, dabei hatte er Tage zuvor erklärt, er hoffe, dass “Stani” noch acht Jahre da sei. Und nun wird nach einem Aderlass kurz vor der Rückrunde die Erfolglosigkeit beklagt.
Klar ist, mit Holger Stanislawski sollte zu Saisonbeginn nicht nur ein Fußballtrainer verpflichtet, sondern auch Sympathie erkauft werden. Dass ein Imagetransfer aber nicht ganz so einfach funktioniert, hätte eigentlich gerade einem Unternehmer bekannt sein müssen. Die Sympathiewerte für Stanislawski sanken, nach meinem Eindruck, nicht wirklich. Die von Hoffenheim stiegen aber auch nicht. Vielleicht auch, weil das Missverständnis zu offensichtlich war. Stanislawski passte zu St. Pauli, übertrug seine Leidenschaft auf Spieler, die wie er anders waren. Bei “normalen” Profis in Hoffenheim klappte diese Art der Motivation, diese Ansprache hingegen nicht. Die Schuld geben die eigenen Anhänger, das wurde deutlich als die Fans Stanislawski nicht nur vor sondern auch nach dem Pokalspiel gegen Greuther Fürth feierten, eindeutig den Spielern und dem Verein, nicht dem Trainer.
Während die Sympathiewerte bei Stanislawski durch die Trennung weiter steigen dürften, hat sich die TSG 1899 Hoffenheim unterdessen weiter ins Abseits befördert. Daran ändert auch die Verpflichtung von Markus Babbel wenig. Eine Personalie, bei der das Schicksal seinen Humor unter Beweis stellte: Schließlich hatte Stanislawski nach dem Spiel gegen Hertha BSC Berlin den damaligen Coach des Gegners foppendn gefragt: “Herr Babbel, glauben Sie, dass Sie auf der Weihnachtsfeier noch da sind?” Eine Anspielung auf das Zerwürfnis bei der Hertha, Babbel lachte laut mit, antwortete mit einem gespielten “Arschloch” und beide umarmten sich. Daran gedacht, dass Babbel keine zwei Monate später nach einem Platz für ein Tattoo des Hoffenheimer Logos auf seinem Arm sucht, hatte zu diesem Zeitpunkt sicherlich niemand.
Ein neuer Trainer ist wie ein neues Leben, mag der ein oder andere Verantwortliche in Hoffenheim hoffen. Doch Babbel alleine wird die Sympathiewerte des Vereins nur bedingt verbessern können, selbst, wenn es über den Erfolg und das Auftreten des Teams gelingen sollte, bei den eigenen Fans etwas zu punkten. Die Markenbeschädigung der letzten Zeit ist aber nicht nur oberflächlich und dürfte nur langfristig mit einer entsprechenden Idee, die auch zumindest mittelfristig gelebt wird, zu reparieren sein. Das 1899 aus dem Vereinsnamen macht eben alleine keinen Traditions- und ein paar Talente keinen Ausbildungsverein. Vielleicht ist Sympathie aber auch überbewertet, Manager Tanner erklärte, laut kicker.de, jedenfalls: “In erster Linie müssen wir um die Punkte kämpfen und nicht um die Sympathien.”