Karl May und der Wiederholungstäter Franz Josef Wagner

Ich war als Kind ein Viel-Leser und da nicht ausreichend zeitgenössische Literatur herangeschafft werden konnte, so ein TKKG- oder ???-Buch hielt ja nicht einmal einen Nachmittag, griff ich schnell auch zu den Büchern meiner Eltern. Erste Wahl war dabei Karl May. Ich bin sicherlich kein Experte, habe die Bücher aber mehrfach gelesen. Und war daher irritiert, was Franz Josef Wagner via „Bild“ so in seinem „Brief“ an Karl May schrieb. Und ich fand heraus, er ist auch noch Wiederholungtstäter.

Um etwas weiter auszuholen: Vor ein paar Jahren stolperte ich bei einem Text von Roger Willemsen – den ich hier allerdings keineswegs in eine Reihe mit Franz Josef Wagner stellen möchte: In Unverkäufliche Muster sind verschiedene Kurztexte von Willemsen gesammelt, zum Thema Karl May findet sich auch einer: „Ein Herz für Klikeh Petra“. Ich stolperte auf Seite 49 bereits über die Überschrift, denn der Lehrmeister von Winnetou hieß doch „Klekih Petra“, was übersetzt „Weißer Vater“ heißen soll. Um ganz korrekt zu sein: In meiner Ausgabe wird es „Klekih=Petra“ geschrieben.

Der Text ist eine lesenswerte Betrachtung einer Aufführung in Bad Segeberg, die einem Leser von Karl-May-Büchern vermutlich ähnlich weh tut wie die Filme. Mir bescherte das Stolpern über diesen Fehler keine Schmerzen, aber eine halbwegs schlaflose Nacht: Ich blätterte in meinen alten Büchern und fand meine Erinnerung bestätigt. Wie konnte Roger Willemsen ein solcher Fauxpas unterlaufen, ich schob es auf eine andere Ausgabe der Werke von Karl May – doch auch wikipedia kannte nur eine Schreibweise. Der beabsichtigte Brief an Willemsen blieb am Ende ungeschrieben, doch die weitere Recherche führte mich unter anderem zu dem Fakt, dass der deutsche Dichter Carl Zuckmayer seine Tochter „Maria Winnetou“ nannte – aber das nur am Rande.

Zurück zu Briefeschreiber Wagner, dessen Fehler eine ganz andere Qualität haben: In der heutigen Printausgabe der Bild-Zeitung ist von eben diesem Franz Josef Wagner in seinem Brief an Karl May zu dessen 100. Todestag der folgende Satz zu lesen: „Old Shatterhand half ihnen mit seinen drei Gewehren, mit seinem Henry-Stutzen, dem Bärentöter, der Silberbüchse“. Nun weiß jeder, dass die „Silberbüchse“ das Gewehr von Winnetou war. Der Häuptling der Apachen hatte es von seinem Vater geerbt, Old Shatterhand nahm es nach dem Tod Winnetous an sich. Karl May ließ sie übrigens, als er gegenüber der Öffentlichkeit irgendwann als Old Shatterhand auftrat, sogar nachbauen.

Weiter heißt es bei Wagner: „Als Winnetous schöne Schwester Nscho-tschi (Schöner Tag) erschossen wurde, habe ich die Seiten aus „Der Schatz im Silbersee“ herausgerissen. Mit meiner Kinderschrift habe ich die Seiten neu geschrieben und mit Mehlpappe wieder hineingeklebt (Uhu gab es damals nicht).“ Nur stirbt Nscho-tschi in einem ganz anderen Buch, in „Winnetou I“ nämlich. Wie bei der „Silberbüchse“ musste ich auch hier nicht nachschlagen. Also, zumindest nicht beim Fehler an sich, bei der Mehlpappe schon. Die ist scheinbar ein auf Stärke basierender Leim.

Für jemanden, der wie Wagner Karl May als Nummer eins sieht – nach eigener Angabe noch vor den „wichtigeren“ Falada – der im Print wirklich so geschrieben wurde und nicht als Fallada, siehe Kommentare – sowie Roth, Dickens, Mark Twain, Maupassant, Hemingway, Salinger und Steinbeck – sind das doch zwei sehr irritierende Fehler. Und noch irritierender, dass die Fehler in der Bild-Redaktion beim Redigieren nicht auffielen und den Weg auch in den Druck fanden – zumindest online wurde es korrigiert. Jemanden, der in seiner Jugend Karl May verschlang, dürften solch schwerwiegende Fehlgriffe aber eigentlich nicht unterlaufen.

„Ich bin ganz sicher, dass ich wegen Karl May ein Schreiber wurde“, schreibt Wagner in seinem heutigen Brief auch. Zumindest hat er in seiner Jugend scheinbar recht häufig Seiten aus Büchern gerissen und mit eigenen Versionen ersetzt, denn bildblog.de fragte sich bereits 2007: „Was denn für Mehlpappe überhaupt?“ Vier Jahre nach der Sache mit dem Nscho-tschi wollte der nun elfjährige Franz Josef Wagner nämlich auch den Tod von Winnetou nicht wahrhaben. „Die Seite im Karl-May-Buch, wo der böse Santer Winnetou erschoss, überklebte ich nach einer durchweinten Nacht mit Mehlpappe“, schrieb Wagner damals.

Und, der geneigte Leser wird es ahnen: Santer erschoss Winnetou nicht. Der Mörder wird nicht genannt, die Vermutung, dass es sich beim Schützen um einen Ogellallah-Sioux handelte, liegt aber nahe. Santer hingegen war der Bösewicht, der Winnetous Vater und Schwester – eben jene Nscho-tschi – zum Ende von Winnetou I erschoss. Aber, die Wagnerschen Gedächtnislücken erklären sich vielleicht auch aus seinen eigenen Briefen: Wie sollte der Briefeschreiber der Bild auch die Passagen noch einmal nachlesen – wo die Seiten doch mit eigenen Versionen überpappt waren.

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Über Christian Ciemalla

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23 Kommentare zu Karl May und der Wiederholungstäter Franz Josef Wagner

  1. Dieter Reiniger sagt:

    Eigentlich ist Wagner nicht der Rede wert, aber wenn man sich über Schreib-, Tipp- und inhaltliche Fehler mokieren will… Wer, bitte schön, ist „Falada“?

    • Alexandra B. sagt:

      Falada ist das Pferd der Gänsemarkt. 😉

      „O du Falada, da du hangest“
      „O du Jungfer Königin, da du gangest,
      wenn das deine Mutter wüßte,
      ihr Herz tät ihr zerspringen.“

  2. Ein weiterer Fehler von Wagner, der mir durchgerutscht war. Hab eben noch mal nachgeschaut, er hat in seiner Aufzählung wirklich Falada geschrieben und nicht Fallada …

  3. Andy sagt:

    Da fällt dann ja auch kaum noch auf, das es UHU zu dieser Zeit sehr wohl schon gab. Das wurde bereits im Luftschiff Hindenburg verbaut, welches deutlich vor Wagners Geburt verbrannte. Sogar den Kunststoffkleber hatte Uhu bereits vor Wagners Geburt auf dem Markt gebracht.

  4. Murple sagt:

    Wenn wir uns schon über Tippfehler aufregen:
    in „Dicher“ fehlt ein „t“

    und tschüss

  5. danke für den Hinweis, ist korrigiert. Aber, „Fallada“ und vor allem auch der eigentliche Grund hinter der obigen Geschichte – sprich die inhaltlichen Verwechslungen in Sachen Karl May – sind ja eben nun gerade nicht nur Tippfehler …

  6. Mrs Smegma sagt:

    Ich finde alle diese Fehler lässlich, weil es erstens Wagner ist, der in der Bild-„Zeitung“ schreibt und deshalb ignoriert gehört. Zweitens frage ich mich, ob sich jemand über solche Fehler echauffieren darf, der die Bedeutung des Wortes „scheinbar“ anscheinend nicht kennt.

    • Statistiker sagt:

      Liebes Smegma,

      Sie schmecken zwar eklig, dnnoch ein Response: Die deutsche Sprache ist vielfältig. Wie heißt es richtig: Schmant oder Schmand?

      Genauso verhält es sich mit dem scheinbar und dem anscheinend. Nach dem Duden ein Unterschied, aber wen interessiert der Duden? Keinen, und das zu Recht. Jeder hat das Recht, so zu schreiben, wie er will und hat auch das Recht, so verstanden zu werden, wie er verstanden werden will. Wenn Sie hier rumwagnern, gerne, aber dann blasen Sie sich selber einen, klar!!!

      • Mrs Smegma sagt:

        Nun ja, wenn von „Schmant“ die Rede ist, weiß ich dennoch, was gemeint ist. Und wenn jemand, sagen wir, „scheinbahr“ schriebe, wäre das wenigstens nicht sinnentstellend, wenn denn „scheinbar“ gemeint wäre, nicht? Ihrer Empfehlung will ich gern zu folgen versuchen, doch ich fürchte, da sind uns die Hunde doch voraus.

      • hiro sagt:

        Nun hat „scheinbar“ allerdings eine deutlich andere Bedeutung als „anscheinend“, daher ist es schon sinnvoll, das jeweils Richtige zu verwenden. „Scheinbar“ bedeutet, daß die Dinge nicht so sind, wie sie scheinen. „Anscheinend“ dagegen impliziert die Vermutung, daß die Dinge tatsächlich genau so sind, wie es aussieht.

        Scheinbar sind die beiden Wörter austauschbar, tatsächlich jedoch nicht. Anscheinend ist der Unterschied nicht jedem klar.

        Ich frage mich, was das mit dem Text zu tun hat, beide Wörter finde ich dort bei oberflächlicher Suche nicht.

  7. Joe sagt:

    Übrigens hat sogar Dürrenmatt einmal Santer als den Mörder Winnetous genannt. Kann passieren. Aber nicht, wenn KM die persönliche Nr. 1 sein soll.
    Bei der Gelegenheit habe ich flink meinen eigenen Brief verfasst:
    Lieber Karl May,
    es käme mir nicht in den Sinn, einen Brief an Sie mit der Erwähnung einiger Autoren zu beginnen, die manche Menschen zu Recht oder zu Unrecht für wichtig halten mögen. Dann müsste ich nämlich eine Diskussion von kaum abschätzbaren Ausmaß eröffnen, darüber, wer oder was in der Literatur wichtig ist. Es besteht für mich aber auch keine Notwendigkeit, Sie mit Thomas Mann oder Grass zu vergleichen, denn Sie haben Unterhaltungsliteratur geschrieben. Und das haben Sie, trotz aller Schwächen, die manche ihrer Werke, etwa der „Surehand“, aufweisen, gut gemacht. Eine Zeitlang haben sie ihre literarischen Visionen so intensiv gelebt, dass sie sich selber für den Helden ihrer Romane hielten. Und viele Menschen glaubten ihnen das. Einen deutlicheren Beweis für die kaum vorstellbare Macht der Phantasie eines Autors gibt es nicht.
    Ihren Winnetou Band I habe ich erstmals im Sommer 1979 gelesen, kurz vor dem „Kurier des Zaren“ ihres Kollegen Jules Verne. Eine Tür wurde aufgestoßen. Nein, ich avancierte nicht zum Schreiber. Aber zum Leser. Das bin und bleibe ich. Vielen Dank.
    J.P.

  8. @Joe: Angesichts des Briefes, schade, dass Sie nicht zum Schreiber avancieren 🙂

  9. DJ Doena sagt:

    Der Fehler mit Santer wäre mir wahrscheinlich auch passiert.

    Also zumindest, wenn mich jemand gefragt hätte, wer Winnetou erschoss. Ich wusste, dass Santer Intschu-Tschuna und Nscho-Tschi in Winnetou 1 erschossen hatte und dass Winnetout und Old Shatterhand ihn zeit ihres Lebens gejagt hatten (im Film stirbt er ja noch in Teil 1).

    Und ich häte gedacht, dass er am Ende auch noch Winnetou erwisch hätte.

    Wobei ich die Bücher auch schon ewig net mehr gelesen habe und wenn, dann höchstens noch Schatz und Winnetou 1.

  10. Helmut sagt:

    Dass Santer für Winnetous Mörder gehalten wird, das kann wohl als läßliche Sünde durchgehen, denn wie schreibt Karl May im Vorwort von Winnetou I (in der originalen Fehsenfeldausgabe):

    „… ausgelöscht aus dem Leben durch die mörderische Kugel eines Weißen.“

    Er hat es selbst also nicht (mehr) so genau gewusst.

    Erst in den späteren Ausgaben des Karl-May-Verlages wurde dies später (lange nach Mays Tod) „korrigiert“.

  11. Petra sagt:

    Nach einer kleinen häuslichen Diskussion haben wir herausgefunden:
    Wagners „Mehlpappe“ ist das Pelikanol, das ich auch noch aus meiner Schulzeit kenne. Haben wir benutzt, weil es ein ganzes Schuljahr gereicht hat. Der Pritt-Stift war noch nicht erfunden. UHU war zu teuer.
    http://de.wikipedia.org/wiki/Pelikanol

  12. Pingback: Alles was es sonst noch gibt - Wichtiges und Unwichtiges VII - Seite 118

  13. Alexander Horn sagt:

    Ich frage mich immer, ob man dem xxx und seinen wirren „Briefen“ nicht zu viel Aufmerksamkeit schenkt, in dem man die diversen Fehler darin raussucht. So viel Aufmerksamkeit hat der Schmierenjournalist eigentlich nicht verdient.

    Editiert aufgrund einer beleidigenden Unterstellung.

  14. Der_Felix sagt:

    Da hätten ein paar simple Google-Suchen Wunder gewirkt. Ist das etwa zu viel verlangt für einen BILD-Kolumnisten?

  15. Es war um die Mittagszeit eines sehr heißen Maitages, als Jörg Zehrfeld, einer der dicksten Fotografen, die für handballworld.com tätig sind, mit großem Genuß die köstliche Geschichte über Karl-Franz May-Wagner las.Er atmete heftig und schwitzte dabei zum Gotterbarmen. Schließlich hatte er Gehrden am frühen Morgen verlassen und war mit dem Rad einmal über den Deister nach Springe und zurück gefahren ….. Na, Christian? Welches Karl May Buch fängt so ähnlich an ? Gruß Jörg

  16. „Weihnacht im Wilden Westen“ war es vermutlich nicht, ich hab aber gleich mehrere Werke im Verdacht. Meine „Winnetou II“ geht in die Richtung, vermute aber, Du meinst den „Schatz im Silbersee“. Denke, Du wirst vermutlich auch ähnlich geschnauft haben wie der Schaufelraddampfer zu Beginn des Werks, oder?

    Den Weg über den Deister schlage ich übrigens Pfingstmontag mit dem Rennrad ein, Vorbereitung auf die Velo-Challenge in Hannover, die da ja lang führt … Gruß, Christian

  17. Respekt , ich verleihe Herrn Christian Ciemalla den Titel „Karl May Kenner“ oder auf apatschisch Ka-May-Ke ;=)

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