Ich komme gerade zurück von einem Kurztrip in ein Land in Osteuropa, das in Westeuropa vor allem für Negativschlagzeilen sorgt: Weißrussland. Mit knapp vierzig Leuten war ich in der Hauptstadt Minsk in Sachen Handball unterwegs. Bekanntlich bezeichnet sich Premier Alexander Lukaschenko – auch selbst – nicht gerade als “Demokrat”. Staatsmänner wie er gelten gemeinhin als laut und selbstherrlich. Doch in seiner Hauptstadt ist es vor allem unauffällig, auffallend unauffällig.
Es ist eine althergebrachte Weisheit, dass zentralistisch regierende Staatsmänner – um sein Amtsverständnis vorsichtig zu charakterisieren – dazu neigen, sich selbst nicht nur gerne reden zu hören, sondern sich selbst auch gerne zu sehen. Genau das gilt für Lukaschenko offenbar nicht. Nirgends in der Stadt habe ich sein Abbild gesehen. Das einzig Auffällige ist die weit überlebensgroße Lenin-Statue vor dem Regierungssitz. Aber die steht dort schon länger.Die Wahrnehmung des Besuchers geht dahin, dass Lukaschenko ein bescheidener Mensch zu sein scheint. Dazu passt auch seine lupenrein saubere Hauptstadt Minsk. Überspitzt formuliert könnte man von der Straße essen. In den großen Straßen und an den Ein- und Ausfallstraßen der Millionenstadt ist kein einziges Haus, das einen Kratzer in der Fassade hätte. Minsk hat, auch bei meinen Mitreisenden, einen überaus gepflegten Eindruck hinterlassen.
Aber genau diese Glanzfassade wirft Fragen auf. Warum ist es so sauber? Offenbar auch um die Touristen zu beeindrucken, die mit dem Bild eines armen und unterdrückten Landes nach Weißrussland kommen. Beides ist in der Hauptstadt nicht sichtbar. Alles erscheint eher westlich geprägt. Wenn es irgendwo einen Mangel gibt, kommt er nicht zum Vorschein. Auch Ordnungshüter scheint es keine zu geben oder zu benötigen – es sei denn, wenn die Miliz im PKW mit Sirene unterwegs ist. Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit grenzen aneinander.
Wir hatten uns akribisch auf diese Reise vorbereitet: Einige hatten zum Beispiel ihre Laptops zuhause gelassen und ich und andere darauf verzichtet, uns als Journalisten “anzumelden” und als solche aufzutreten. Auch, wenn es vorrangig nur um Sportjournalismus gegangen wäre bzw. ging. Der Liveticker von dem Handballspiel lief also per SMS statt per Laptop und das, obwohl in der Arena ein kostenpflichtiges WLAN vorhanden war. Die erste Verwunderung gab es ohnehin, als am Vorabend im Hotel die Facebook-Seite anstandslos lud. Wir wollten von Internetsperren gewusst haben.
All das sind Mosaiksteinchen, die uns letztlich den Eindruck eines offenen, pro-westlichen – und vor allem sauberen – Landes vermittelten bzw. vielleicht auch vermitteln sollten. Ein Bild jedenfalls, an das wir vor der Reise nicht gedacht hatten und eines, das mich nachdenklich stimmt. Letztlich scheint es sich auch hier zu lohnen, Informationen zu hinterfragen. Das gilt für jede Facette einer Information. Meine Interpretation dessen, was ich in Minsk wahrgenommen habe, geht – auch in einer Alliteration an die Ära des Biedermeier – dahin, dass Lukaschenko eines ganz wichtig ist: Ruhe.
Und für diese Ruhe ist Lukaschenko offenbar bereit, relativ weite Zugeständnisse zu machen. Es soll hübsch aussehen. Es gibt fast alles, auch Westzeitschriften. Gäste sollen sich in diesem Land wohlfühlen und es soll niemandem auffallen, dass Lukaschenko alle Zügel fest in der Hand hält. Lukaschenko und seine Hauptstadt haben es geschafft, uns zu beeindrucken. Wenn Lukaschenko ein Demagoge ist, dann ist er ein Meister seines Fachs. Die Fassade der Hauptstadt wies jedenfalls während des Kurzaufenthalts keine Risse auf. Die kürzlich vollstreckten Todesurteile wurden im Staatsfernsehen ebenfalls unauffällig dargestellt.
Nach alldem bin ich mir unsicher, ob Minsk (nur) ein “potemkinsches Dorf” ist. Der Begriff geht auf einen russischen Feldmarschall, Günstling von Zarin Katharina der Großen, zurück. Der Sage nach soll er vor einer Inspektionsreise der Zarin dafür gesorgt haben, dass an der Wegstrecke des Gefolgszuges Fassaden aufgestellt wurden, um eine fortgeschrittene Besiedelung vorzuspiegeln. Vorspiegeln will Weißrussland mit seiner von Prunkbauten gespickten Hauptstadt sicherlich etwas. Aber trotz des Protzes bleibt es eben eines: Unauffällig. Zumindest für schlichte Gemüter.

