Wirklich Mühe hat sie sich nie gegeben, zumindest nicht damit, sich zu verstecken: Die Welt-Regie. Sie produziert bei Großereignissen das Live-Signal für die TV-Anstalten, das Welt-Bild. Die beiden Wortschöpfungen erhalten dabei durchaus einen entsprechenden Beigeschmack. Die besondere Symbiose zwischen Sport und Medien treibt immer wieder aus ethischer Sicht fragwürdige Blüten, ausgerechnet ein aus der Zeit gerissener Scherz von Jogi Löw enttarnte nun aber den im Raum stehenden Elefanten.
Das Publikum vor den Fernsehschirmen staunte nicht schlecht. Noch stand es 0:0 im Vorrundenspiel der deutschen Auswahl gegen die Niederlande, die Anspannung war spürbar. Auch bei dem ukrainischen Balljungen, auf den die Welt-Regie schnitt. Gebannt schaute er auf das Spielfeld, konzentriert und bereit. Da pirscht sich von hinten Jogi Löw an, in gewohnt weltmännischer Façon. Dem Bundestrainer sitzt in diesem Moment der Schalk im Nacken:
Er tippt dem Jungen den Ball von hinten aus der Hand und lächelt. Der Balljunge ist kurz verdutzt, doch Löw legt ihm lächelnd die Hand auf die Schulter, die Anspannung löst sich und Löw krönt die Aktion noch mit einem Hackentrick, mit dem er den Ball dorthin zurückbefördert, wo er hingehört: In die Hände des Balljungen. Eine Szene wie gemalt, dachte sich wohl auch die Welt-Regie. Denn die Szene war aufgezeichnet, hatte sich bereits vor dem Anpfiff ereignet. “Wir haben bei der UEFA moniert, dass der Anschein erweckt wurde, es handele sich um Live-Bilder”, erklärte ZDF-Chefredakteur Peter Frey
Dass sich das ZDF bei der UEFA beschwert, zeigt das Grundproblem. Denn seit einiger Zeit ist keineswegs mehr der Gastgeber Produzent des Weltbilds. Dieses wird im Auftrag der UEFA, oder wahlweise auch der FIFA, erstellt und zwar nach deren Wünschen. Leere Ränge sind nicht gern gesehen, Bengalos auch nicht. Den Grund für die Rauchschwaden liefern nicht die Bilder, sondern der Kommentator. Wie am Radio erfährt der TV-Zuschauer so als Zuhörer auch von einem auf den Platz stürmenden Fan im Spiel Kroatien gegen Irland, der Slaven Bilic küsste, oder von unliebsamen politischen Botschaften im weiten Rund.
Die UEFA ist dabei beileibe kein Einzeltäter, die Fußball-Bundesliga produziert die ausgestrahlten Bilder ebenfalls in Eigenregie, von der Formel1 ganz zu schweigen. Die übertragenden Sender fügen sich in ihr Schicksal, schließlich haben diese Sportveranstaltungen einen immensen Wert – was sich auch in den Kosten für die Übertragungsrechte zeigt. In einer besonderen Symbiose werden Medien und Sport zu gemeinsamen Produzenten eines Events. Gerade das Fernsehen ist seit jeher ein Mitproduzent, denn wer unglaubliche Summe für die Rechte bezahlt, der will auch ein spektakuläres Event übertragen – für Mißtöne, oder in dem Fall Mißbilder, ist da kein Platz.
Und für die Überraschung angesichts des zeitversetzten Scherzes von Jogi Löw ist eigentlich auch kein Platz. Denn die Sache mit dem Weltbild und der Weltregie war nie ein Geheimnis. Bereits vor dem Start der EM gab es in der FAZ einen lesenswerten Beitrag unter dem Titel “Die Herren des Weltbilds”. Dort wird angesichts des straffen Reglements der Euro 2012 von einem “zeitweiligen Uefa-Protektorat Polen-Ukraine” gesprochen und darauf verwiesen, dass es sich bei einer Live-Übertragung eben nicht um eine “schlichte Echtzeit-Dokumentation” handele.
Aber zurück zum Scherz von Jogi Löw. Ein kurzer Hinweis der Weltregie an die Kommentatoren, dass es sich um eine Einspielung einer Szene von vor dem Anstoß handelt, hätte in diesem Fall den Missverständnissen vorgebeugt und vielleicht auch die Tarnung der Weltregie erhalten. Denn angesichts der generellen Problematik befand ZDF-Sportchef Dieter Gruschwitz noch Anfang der Woche gegenüber sueddeutsche.de: “Von einer Zensur würde ich nicht sprechen.” Doch der zeitversetzte Einspieler mit Löw, das sorgte auch beim ZDF für Empörung, ZDF-Chefredakteur Peter Frey befand: “Das entspricht nicht unseren journalistischen Standards.”
Weitere Links zum Thema:
» faz.net: Die Herren des Weltbilds
» welt.de: Die Fußball-EM im Ruch der Uefa-Zensur
» faz.net: Die Regie spielt falsch
» sueddeutsche.de: Lästiges ins Abseits
» faz.net: „Klare Ansage der Uefa“ – Interview mit Volker Weicker