Die Suche nach der Gemütlichkeit im Chaos

Irgendwie habe ich in den letzten Monaten die Fähigkeit verloren, mich über die Bundesregierung aufzuregen. Jetzt hat mir Bernd Ulrich, stellvertretender Chefredakteur der Wochenzeitung „Die Zeit“, klargemacht, warum das so ist. Und, dass ich damit nicht alleine bin. Es bleibt die Frage, kann mich dieses Gemeinwissen beruhigen?

Bernd Ulrich tut in seinem – online scheinbar leider nicht verfügbaren – Artikel „Können die’s überhaupt?“ nichts Ungewöhnliches. Er nimmt das gefühlte Chaos an der politischen Spitze Deutschlands als Aufhänger für eine Geschichte über die auch von der heute-show schon so häufig strapazierten Floskel der „schlechtesten Regierung seit 49“. Das hat man schon so oft gelesen. Das ist alles nicht neu, doch er geht einen Schritt weiter.

„So vertraut hört sich all das an, dass es auch niemanden mehr beunruhigt“, doziert Ulrich und setzt fort: „Im Gegenteil, die Erzählung vom schwarz-gelben Chaos hat mittlerweile etwas Gemütliches, man fängt an, die Koalition dafür zu mögen, dass man sie verachten darf.“ Zumindest sei das so, solange es dem Land gut gehe und Merkel Kanzlerin sei.

Nun ja, beim Zweitgenannten kann ich nicht ganz folgen, aber das liegt an meiner Grundeinstellung. Dass in diesem Fall eins und eins zwei und nicht irgendetwas tief im negativen Bereich ergeben soll, ist für mich in diesem Zusammenhang keinesfalls beruhigend. Denn das deutsche Wahlvolk will zwar diese Bundesregierung in einem Jahr ganz offensichtlich loswerden – aber „Mutti“ soll bitte bleiben.

Ulrich stellt die Kleinstaaterei und die innenpolitische Kleingeistigkeit der Bundesregierung in den Kontext der großen Probleme der Europäischen Union, vor allem hinsichtlich der globalen Finanzkrise, die alle anderen Probleme, vor allem die innenpolitischen, zu verdecken drohe. Daher seien all die „Krisengipfel“ der Koalition nicht verwunderlich, da den „Umständen“ geschuldet.

Nun wohne ich ein einer Stadt, in der man sich allmontäglich über einen neu zu bauenden Bahnhof aufregt, bei dem nach Volkes Votum die Vorteile die Nachteile überwiegen. Auch der Bahnhof folgt also der wichtigsten Maxime von Angela Merkel. Vielleicht hat mich ja dieses gebetsmühlenartige Mantra abstumpfen lassen. Letztlich fehlt mir aber doch etwas, denn: Es gibt noch Gründe, sich aufzuregen.

Auffällig ist nach wie vor, dass in der politischen Spitze aktuell eine Agenda fehlt, um das von Gerhard Schröder geprägte „Unwort“ – ist es eines? – zu verwenden. Auch in der wirtschaftlich starken Region Stuttgart gibt es mittlerweile wieder Betriebe, die Kurzarbeit anmelden. Die Auftragsbücher sind keineswegs überall voll. Eigentlich müsste also das Aufgabenbuch der Bundesregierung überquillen.

Es gäbe politisch so viel anzupacken, stattdessen widmet sich die „Koalition“ der Symbolpolitik. Die „größte“ Neuigkeit ist dieser „Herdprämie-statt-Praxiseintrittsgebühr“-Kuhhandel. Wir entnehmen Geld aus der Volkswirtschaft und stecken es irgendwo hin, wo es garantiert nicht benötigt wird. Bei Familien, die ihr Kind nicht in der Krippe betreuen lassen möchten. Sinnschwach ist das allemal.

Die drei Dicken, zugegeben: einer von den Dreien hat körperlich vehement abgenommen, stellen sich nach der Kungelei vor die Presse und verkaufen das als den größten Erfolg aller Zeiten und das Wahlvolk schreit stürmisch Juhu! Da ist etwas faul in dem Staat, in dem ich eigentlich gerne lebe. Und da ist er wieder, mein Unmut über die Dinge. Darüber, dass die Leute nicht verstehen. „Die schenken Dir Dein Geld, Welke!“, tiradierte Gernot Hassknecht gestern in der heute-show treffend über eben dieses Unverständnis.

Aus meiner Sicht ist das ein Nicht-Verstehen-Können dessen, was vor sich geht, mangels Interesse – und teilweise vielleicht auch mangels Bildung. Man flüchtet sich lieber in die Selbstbelustigung über die Situation. Zu einem Erkenntnisgewinn führt die zwar eher selten, doch Humor befreit und macht glücklich. Ein Gutteil des Erfolgs der heute-show dürfte von dieser Diagnose herrühren. Dabei bemüht sich die Sendung durchaus um eben diese Erklärungen und ist vielleicht sogar die Politsendung mit der größten Breitenwirkung.

Doch scheinbar überdeckt sie auch – „Was haben wir gelacht über diese Regierung“. Vielleicht sollte ich mich für eine Weile in eine humorfreie Zone begeben. Dann werde ich mich vielleicht auch wieder besser aufregen können. Beruhigt bin ich keinesfalls. Aber der Spaß soll ja auch nicht zu kurz kommen. Vielleicht kann aber auch Spaß nachdenklich machen. Herrn Kubicki ist diese Verknüpfung bei seinem gestrigen Auftritt bei Oliver Welke sensationell gut gelungen und gerade Gernot Hassknecht zeigt diese Verbindung zwischen Ärger und Humor auch immer wieder meisterlich auf …

ZDF-Mediathek: Heute-Show mit Gernot Hassknecht, ab Minute 5:50.
Online allerdings nur bis zum 16.11.2012 aufgrund der Depublizierungsvorschriften für die Öffentlich-Rechtlichen Sender – auch ein Punkt, über den es sich aufzuregen lohnt.

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Über Felix Buß

Die Welt ist für mich ein Pulverfass, das zum Ziel hat, mich zu explodieren. Georg Kreisler
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