Wasserball auf der „grünen Insel“ oder deutsche China-Exporte

Sportbegeisterte Deutsche exportierten schon vor mehr als einhundert Jahren auch das Wasserballspiel nach China: dieses allerdings nicht landesweit, sondern lediglich in das kleine koloniale Pachtgebiet Kiautschou. Dessen Hauptstadt wurde das einstige Fischerdorf Tsingtau (heute zumeist Qingdao geschrieben – übersetzt: „grüne Insel“), das in der kurzen Epoche deutscher Vorherrschaft zu einer der damals modernsten Städte Asiens ausgebaut wurde. Bekanntheit hat die heutige Acht-Millionen-Metropole in der Gegenwart als Austragungsort der Segelwettbewerbe bei den Olympischen Spielen 2008 erlangt – und als Heimat des seit 1903 an gleicher Stelle produzierten Tsingtao-Bieres.

Im November 1897 hatten kaiserliche Truppen im Rahmen der deutschen „Weltpolitik“ Tsingtau unter einem Vorwand militärisch besetzt. Ähnlich wie im Falle Hongkongs mit einem gewaltsam erzwungenen Vertrag seitens der Briten pachtete das Deutsche Reich am 6. März 1898 die dortige Bucht und das nähere Umland nebst Bergbau- und Eisenbahnkonzessionen sowie weiteren Vorrechten in der umliegenden Schantung-Provinz für 99 Jahre von der chinesischen Regierung. Kiautschou (damals manchmal auch „Kiao-Tschau“) bescherte dem Wilhelminischen Deutschland im Zeichen einer aggressiven Welt- und Kolonialpolitik, mit der das Kaiserreich seinen „Platz an der Sonne“ (so der spätere Reichskanzler Bernhard von Bülow 1897) erreichen wollte, zum einen einen Marinestützpunkt im Fernen Osten. Zum anderen sollte das etwa 552 Quadratkilometer große Pachtgebiet im Süden der Schantung-Halbinsel einen Handelsplatz und Brückenkopf zur wirtschaftlichen Durchdringung des chinesischen Hinterlandes in der Provinz Schantung aber auch des Riesenreiches insgesamt bieten. Die nicht-chinesische Bevölkerung Kiautschous konzentrierte sich im Wesentlichen im Stadtgebiet von Tsingtau und umfasste im Jahre 1913 bei einer Gesamteinwohnerzahl in der Größenordnung von 191.000 etwa 4.500 Personen, etwa die Hälfte davon Militärpersonal.

Zahlreiche noch heute erhaltene Bauten dokumentieren das damalige Bemühen um eine deutsche Musterkolonie inklusive eines Kanalisations- und Trinkwasserversorgungssystems. Doch exportierten die wilhelminischen Zeitgenossen nicht nur Infrastruktur, Handelswaren und Kultur, sondern auch das zunehmende sportliche Treiben des Heimatlandes in ihre überseeischen Gebiete. „Dass Turn- und Gesangverein nicht fehlen, ist selbstverständlich. Wie in Kriegerverein und Marineverein halten auch dort kaisertreue Leute kameradschaftlich zusammen und helfen sich mit Rat und Tat“, beschrieb der Militärgeistliche Hans Weicker 1908 das öffentliche Leben in diesem Stück Deutschland jenseits des Sueskanals. Neben Volks- oder Strandfesten vergnügten sich die zahlreichen Marinesoldaten, die in der Regel über keinen eigenen Hausstand verfügten, zumeist in privat organisierten Skatklubs, im Soldatenheim, im Rotlichtviertel oder beim Schwimmen. Letzteres wurde durch den Umstand erleichtert, dass sich Tsingtau aufgrund seines milden Klimas und seiner Küstenlage auch zu einem unter in China lebenden Europäern beliebten Badeort entwickelte. „Es vereinigt ungefähr alles, was man von einem Seebad verlangt“, geriet der sonst eher nüchterne Weicker über die Stadt und die nach der Kaisergemahlin benannte Auguste-Viktoria-Bucht mit ihrem Badestrand nebst Strandhotel regelrecht ins Schwärmen.

Freizeitangebote erschöpften sich jedoch nicht nur in der europäischen Badekultur kolonialer Oberschichten, inklusive regelmäßiger Konzerte der Kapelle des Seebataillons, sondern beinhalteten auch moderne sportliche Betätigung: Für das Militärpersonal gehörte hierzu neben dem „deutschen“ Turnen auch der oftmals als „englisch“ abgetane Schwimmsport, wie gleich mehreren Beiträgen in zeitgenössischen Ausgaben des Fach- und Amtsblattes „Der deutsche Schwimmer“ zu entnehmen ist. Ein dortiges Foto zeigt eine Wasserball-Mannschaft des Panzerkreuzers „SMS Gneisenau“ nach dem Sieg im Entscheidungsspiel der Tsingtauer Meisterschaft 1912/13. Die 1908 in Dienst gestellte Gneisenau gehörte ebenso wie das baugleiche Schwesterschiff „SMS Scharnhorst“ ab 1909 zum deutschen Ostasiengeschwader mit Stützpunkt in Tsingtau, wo die Besatzungsmitglieder koloniales Ambiente mit deutschem Lebensstil kombinierten – inklusive europäischem Sport.

Bei dem im Rahmen der Tsingtauer Sportwoche ausgetragenen Wasserball-Championat siegte das Matrosenaufgebot mit den Spielern Sielemann (Oberweser Bremen), Bischoff (Danziger SV), Mettke (Friesen Berlin), Dipke (Neuer SV Breslau), Müller (Salamander Mannheim), Lorenz (Deutschland Wilhelmshaven) und Gerken (Triton Hamburg) im Vorkampf gegen das Team der Matrosen-Artillerie mit 5:0 und setzte sich im Entscheidungsspiel gegen den Tsingtauer Schwimm-Verein mit 2:1 durch, „der mit internationaler Besetzung spielte“, wie das Fachblatt berichtete. „Sämtliche Spieler haben in Schwimmvereinen des D[eutschen] S[chwimm] V[erbands] ihre Ausbildung genossen“, erfüllte diese Entwicklung die wilhelminischen Propagandisten der Sportart mit Stolz. Die Veranstaltung galt zugleich auch als ein „Beweis, daß auch im fernen Osten der Schwimmsport aufs eifrigste betrieben wird.“ Im August 1913 standen bei einem internationalen Schwimmfest an gleicher Stelle mit zahlreichen Schwimm- und Sprungwettbewerben ebenfalls zwei Wasserballspiele auf dem Programm, wobei sich eine Zivilmannschaft gegen das Kanonenboot „SMS Jaguar“ wie auch die Matrosen-Artillerie-Abteilung klar durchsetzen konnte. Bedauert wurde im Amtsblatt allerdings, „daß die Schanghaier oder Tientsiner Mannschaft nicht gemeldet hatte. Das Spiel wäre dann jedenfalls noch interessanter geworden.“ Diese Zeilen dokumentieren, dass Wasserball im Fernen Osten schon vor dem Ersten Weltkrieg auf dem Vormarsch war, und dieses nicht nur in angelsächsischen Kulturkreisen.

Die Quellenfunde bereichern die DSV-Annalen nicht nur um eine ungewöhnliche Episode, sondern bescheren auch der sporthistorischen Forschung überraschende Erkenntnisse: Das 1894 von Fritz Kniese und Oskar Pollak aus London mitgebrachte „Water-Polo-Spiel“, wie es damals oft noch genannt wurde, hatte in Deutschland zunächst einen schweren Stand gehabt, erfuhr jedoch ab 1907 einen starken Anstieg in der Popularität, was nun in dem Export dieses urbritischen Spieles nach Asien nebst einer lokalen Meisterschaftsrunde die vielleicht größte Zuspitzung fand. Die wettkampfmäßige Ausübung des Spieles durch die Besatzung eines Kriegsschiffes zeigt zudem, dass ähnlich wie im Mutterland des Wasserballs auch in Deutschland nicht nur organisierte Vereine, sondern auch Beamte und Militärangehörige für die Verbreitung des modernen Sports sorgten. Dieser deutsche Wasserball-Beitrag reiht sich zudem in die zunehmende internationale Verbreitung des Spieles seit den 1890er Jahren ein, wobei es zu jener Zeit in der britischen Kronkolonie Hongkong sogar bereits eine „Hong-Kong Water Polo Association“ gegeben hat, wie ein Blick in das Handbuch der englischen Amateur Swimming Association von 1913 zeigt. Eine gesellschaftliche Durchmischung der Einheimischen mit ihren weißen Kolonialherren fand zu jener Zeit allerdings auch im Sport nicht statt, was bereits in den durchweg getrennten Wohnvierteln der Städte erkennbar war.

Das sportliche Treiben im fernen China wie auch die kurze Epoche deutscher Kolonialherrschaft in Asien insgesamt endete mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs und der Eroberung des Pachtgebietes Kiautschou durch japanische Truppen im November 1914 abrupt. Während die Mehrzahl der dort stationierten Soldaten nach der Kapitulation in Kriegsgefangenschaft gehen konnte, verloren die Matrosen dagegen zumeist sogar ihr Leben: Bei Ausbruch des Krieges waren die beiden Panzerkreuzer des Ostasiengeschwaders auf einer Inspektionsfahrt im Pazifik gewesen, und bei dem Versuch, sich nach Deutschland durchzukämpfen, wurden die Scharnhorst wie auch die Gneisenau nebst vier weiteren Schiffen heute vor 100 Jahren am 8. Dezember 1914 im Atlantik von einem britischen Geschwader vor den Falklandinseln versenkt. Allein 598 von 785 Besatzungsmitgliedern der Gneisenau wurden getötet oder gingen mit dem Schiff unter – auch diese wenig bekannte Episode reiht sich in die 100. Wiederkehr des Ausbruches des Ersten Weltkrieges ein.

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