Gelesen – Maxim Biller: Im Kopf von Bruno Schulz

Ein kleiner, dünner, ernster Mann schreibt langsam und vorsichtig in sein Notizbuch und streicht den Satz sofort wieder durch. So beginnt die Novelle „Im Kopf von Bruno Schulz“ von Maxim Biller, die um einen Brief des polnischen Schriftstellers an Thomas Mann kreist und so irritierend wie lesenswert ist.

Der Titel machte neugierig, schließlich war der Name Bruno Schulz mir durchaus ein Begriff, auch wenn ich bislang keinen der Texte des polnischen Autors gelesen hatte. Ich nahm das Buch in die Hand, überflog den Klappentext, der den Hintergrund der Geschichte verortete: In einer polnischen Kleinstadt, dem heute zur Ukraine gehörenden Drohobycz, saß jener Bruno Schulz 1938 in seinem Keller, von Ängsten, Visionen sowie Begierden gepeinigt und schrieb einen Brief an Thomas Mann über die Begegnungen mit einem vermeintlichen Doppelgänger. Die Neugier stieg, ich kaufte das Buch.

Über den Hintergrund von Bruno Schulz wusste ich nicht viel mehr, als in der Zusammenfassung erwähnt wird: Ein polnisch-jüdischer Schriftsteller, dessen autobiographisch inspirierte Erzählungen in ihrem Verlauf in das Fantastische abdriften und der von einem SS-Mann erschossen wurde.

Vielleicht wäre es, so die Erkenntnis nach der Lektüre, besser gewesen zuvor einige seiner Texte, beispielsweise die viel gerühmten „Zimtläden“, zu lesen. Zahlreiche Absonderlichkeiten der Novelle scheinen – wenig überraschend – Anspielungen auf das Werk des Namensgebers und Protagonisten.

Doch auch ohne diesen Hintergrund fesselt die Geschichte, die atmosphärisch von den aufziehenden Gräueltaten der Nazis dominiert wird und die sich eng an die Biographie von Bruno Schulz anlehnt. In einem Brief will Schulz Thomas Mann darüber unterrichten, dass im Ort ein Doppelgänger aufgetaucht sei, der sich für ihn ausgebe, der aufgrund seines Verhaltens aber nicht er sein könne.

Ein Widerspruch, bei dem Thomas Mann stellvertretend für „Die Deutschen“ verstanden werden kann und sich somit eine weitere Deutungsebene eröffnet, in der auch die Beschreibung des Badezimmers, in der der Mann-Doppelgänger wohnt, mit ihrer nackten Betondecke und den eingelassenen Duschen, bedrückend wird.

Maxim Biller zeichnet dabei unaufdringlich Sprachbilder, die immer wieder in das Fantastische abdriften – die aber angesichts der sich später ereignenden Pogrome in der Stadt vielmehr irritierende apokalyptische Visionen sind, die Gedankengänge anstoßen.

Würde sich der eigene Verstand in einer solchen Situation beispielsweise in eine fantastische Zwischenwelt flüchten, wo würde sich der Wahnsinn Bahn brechen und wer könnte beurteilen, ob er selbst oder alle anderen davon betroffen sind. Und sie führt den Widerspruch in der deutschen Geschichte, dem Verständnis als „Dichter und Denker“ und zudem als menschenverachtende „Herrenrasse“, vor Augen. Der Korrektiv, die Kultur als moralische Instanz, versagt – Schulz versucht das Orginal über den Doppelgänger zu informieren, es scheint, als könne er sich dieses Versagen nur mit Unwissenheit erklären.

Es sind nur etwas mehr als sechzig Seiten, doch diese sind dicht und voll beladen – auch eine Parallele zum Werk von Bruno Schulz, das an Seiten schmal, doch an Inhalt reich sein soll. Keine leichte Kost, aber eine interessante und anregende Lektüre – die neugierig auf das Werk von Bruno Schulz macht und zudem hoffen lässt, dass der im Buch erwähnte Roman Der Messias vielleicht doch noch entdeckt wird. Mein Fazit: Es ist eine Novelle, bei der nach dem Zuklappen des Buches und eines gedanklichen Durchatmens ein Nachhallen zu spüren ist.

Share

Über Christian Ciemalla

"Als Gründer des Projekts handball-world.com bin ich über die Jahre mit dem Web verwachsen..." Mehr: ciemalla.de oder twitter.com/ciemalla
Dieser Beitrag wurde unter Gelesen abgelegt und mit , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.