Gelesen: Hans-Lukas Kieser, Sammelrezension Der Völkermord an den Armeniern 1915/16

Es ist ein schwieriger Sachverhalt, mit dem sich der Deutsche Bundestag dieser Tage befasst hat. In den Jahren 1915 und 1916 kulminierte der seit Jahren schwelende Konflikt im Osmanischen Reich, der heutigen Türkei, zwischen den (muslimischen) Türken und den (christlichen) Armeniern darin, dass eine Vielzahl von ihnen aus dem ganzen Land deportiert wurden und dabei auf vielfältige Weise zu Tode kamen. Hans-Lukas Kieser, heute Titularprofessor für Geschichte der Neuzeit an der Universität Zürich, hat bereits im Jahr 2007 eine Vielzahl ganz unterschiedlicher Quellen, die die damaligen Vorkommnisse betrachten, analysiert.

Als ich, der am Ende des vergangenen Jahrtausends das Abitur abgelegt hat, die Schule besuchte, spielte der Genozid an den Armeniern im Unterricht keine Rolle. Die Schwerpunkte im Geschichts-Unterricht an den Gymnasien in Baden-Württemberg lagen offensichtlich auf dem (deutschen) Mittelalter und auf der Zeit (in Deutschland) nach 1918. Der Schweizer Historiker Hans-Lukas Kieser, Experte für die Geschichte des Osmanischen Reiches, stellt in seiner Sammelrezension, die im Internet frei abrufbar ist, fest, dass „der armenische Völkermord [in Deutschland erstmals 2002] auf einem schulischen Lehrplan [aufgetaucht]“ sei. Insofern kann ich mir mein Unwissen erklären.

Kieser analysiert, dass das Thema 2005 „auf türkischen Druck hin klamm heimlich“ wieder aus dem Lehrplan gestrichen worden sei. Elf Jahre später, könnte sich am 11. Juni im Terminkalender des deutschen Botschafters in Ankara der Hinweis „Angela applaudiert“ finden: Bundestagspräsident Norbert Lammert hatte den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan scharf kritisiert. Erdoğan hatte zuvor den Grünen-Abgeordneten Cem Özdemir wegen dessen Beteiligung an der Armenien-Resolution attackiert und gefordert, per Blutuntersuchung festzustellen, ob dieser Türke sei.

Es steckt offensichtlich hundert Jahre danach viel Zündstoff darin, die Dinge, die sich 1915/16 im Osmanischen Reich abspielten, als „Völkermord“ zu bezeichnen. Bereits am 11. Januar 1916 seien die Ereignisse im Deutschen Reichstag zur Sprache gekommen, schreibt Hans-Lukas Kieser. Karl Liebknecht habe in einer Anfrage „Aufschluss über die Ausrottung der Armenier“ verlangt und sei „buchstäblich niedergebrüllt“ worden. Man reagierte gereizt auf die Wortmeldung des Mannes, der im Jahr zuvor aus der SPD ausgeschlossen worden war, weil er sich vehement gegen die „Burgfrieden“-Position der Partei im Ersten Weltkrieg gewendet hatte.

„Die Türkei folgt bis heute der Diktion des jungtürkischen Kriegsregimes, das die Armenier als illoyale Minderheit, ihre Aussiedlung als militärische Notwendigkeit und die Opfer als bedauerlich, aber durch Krieg, Banditen und Mangel bedingt darstellte“, schreibt Hans-Lukas Kieser in der Einführung zu seiner Sammelrezension. „Männer und Burschen wurden in Ostanatolien meist zu Beginn der Verschickung getötet; dasselbe geschah mit den meisten, die Militärdienst taten. Anstatt, wie proklamiert, in Nordsyrien angesiedelt zu werden, gerieten Hunderttausende Überlebende der Verschickung in Konzentrationslager, die mangels Versorgung Sterbelager waren.“

Hintergrund des Genozids seien die Ereignisse auf dem Balkan in den Jahren zuvor, vor allem die Gebietsverluste des Osmanischen Reichs im Zuge der Balkankriege. Dadurch sei der „türkische Ethnonationalismus […]  politikwirksam“ geworden. Vor allem die „Jungtürken“ propagierten ihn. Seit 1908 bildeten ihr politischer Arm „CUP“  und die Daschnak, die „wichtigste armenische Partei“, bezeichnenderweise ein Wahlbündnis. Gemeinsame Position war die Ablehnung Sultan Abdulhamids II. Ansonsten wurden völlig gegensätzliche politische Ziele angestrebt. Seit Anfang 1915 wurden sich CUP und Daschnak zunehmend fremd. Kurze Zeit später begann die Ausrottung der Armenier.

Das Osmanische Reich war im Ersten Weltkrieg Bündnispartner des Deutschen Reiches. Interessant erscheint daher die Rolle, die das Deutsche Reich beim Genozid an den Armeniern spielte. „Verkümmerte Individualethik mancher deutscher Offiziere vor Ort manifestierte sich […] darin, dass „fatales Stillschweigen oder krampfhaftes Bemühen, das Thema zu wechseln, in ihren Kreisen eintraten, wenn ein lebhaft fühlender Deutscher mit selbständigem Urteil auf das fürchterliche Elend der Armenier zu sprechen kam““, macht Kiesers Zitat aus Wolfgang Gusts Buch (2005), das Teil der Sammelrezension ist, klar, dass die deutschen Eliten beim Genozid an den Armeniern wegschauten.

Die deutsche Politik wusste seit 7. Juli 1915 bescheid. „Die Regierung verfolgt tatsächlich den Zweck, die armenische Rasse im türkischen Reiche zu vernichten“, informierte Botschafter Wangenheim den Reichskanzler. Die Unterredung blieb folgenlos. Vielmehr wurde Talat Pascha, der den Genozid organisiert hatte, 1918 aufgenommen und lebte bis zu seiner Ermordung 1921 in Berlin. Erst 2005 beschäftigte sich der Bundestag mit dem Thema, vermied aber das Wort „Genozid“, aus Rücksicht auf die Türkei. „Die hier vorgestellten Bücher belegen die Intensität der Auseinandersetzung, die im Gange ist“, schließt Kieser sein Werk. Auch neun Jahre später ist die Brisanz deutlich spürbar.

Noch ein wenig mehr in den Hintergrund rückt indes ein anderer Völkermord, der als der erste des 20. Jahrhunderts gilt. Im August 1904 warfen „etwa 15.000 Mann unter dem Befehl von Generalleutnant Lothar von Trotha den Aufstand der Herero nieder. Der größte Teil der Herero floh daraufhin in die fast wasserlose Omaheke-Wüste, die Trotha daraufhin abriegeln ließ und die Herero von den wenigen Wasserlöchern vertrieb, beschreibt die Wikipedia das unmenschliche Vorgehen. Später erhob sich auch das Volk der Nama, das mit den verbliebenen Herero in KZ interniert wurde. 100.000 Menschen starben. Erst seit 2014 benennt die Bundesregierung dies offiziell als Völkermord. Neue Verhandlungen über mögliche Entschädigungen seien geplant.

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Über Felix Buß

Die Welt ist für mich ein Pulverfass, das zum Ziel hat, mich zu explodieren. Georg Kreisler
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