Die Facebookisierung der politischen Debatte

Im Jahr 1896 übersetzte Heinrich Zimmer einen 3000 Jahre alten Text aus der über 25.000 Tontafeln umfassenden Bibliothek des Assurbanipal in Ninive aus der Keilschrift ins Deutsche. Auf dem Tontäfelchen hatte der Umanu (Weisheitsvermittler) Shaggil-kinam-ubib notiert: „Schaust du hin, so sind die Menschen insgesamt blöde.“ In einer zunehmend komplexen Welt scheinen sich politische Eliten und Wirtschaftsführer diese Beschränktheit der Menschen immer mehr zunutze zu machen. Tatsachen weichen im politischen Diskurs Lügen, einer möglichen Aufgeklärtheit die Sympathie für derartige Aussagen.

Ich habe früher häufig über Dinge in der gesellschaftlichen Debatte gebloggt, die mich verärgert haben, weil Sachverhalte nicht oder falsch oder verkürzt wiedergegeben werden. Komplett zu Ende erzählt werden Geschichten in der heutigen, „schnelllebigen“ Zeit kaum noch. Das muss bei Menschen, die sich für „aufgeklärt“ halten, zwangsläufig zumindest stündlich für Verdruss sorgen. Dadurch, dass Sachverhalte kaum noch mit der nötigen Detailgenauigkeit erklärt werden, verstehen zudem vermutlich 85 Prozent der Menschen die Welt nicht mehr – ein Teil von ihnen fühlt sich abgehängt.

In der aktuellen Ausgabe der „Zeit“ schreibt Alard von Kittlitz über „post-truth politics“, über den aktuellen Zustand des politischen Deutschland. Der Journalist der jungen Garde kam von der FAZ, für die er bereits im Ressort Politik schrieb, über das Magazin Neon zur Zeit. „Ich glaube sehr wohl, dass wir als Branche wegen der Krise über die Qualität unserer Arbeit nachdenken müssen“, sagte von Kittlitz vor eineinhalb Jahren in einem Interview mit vocer.de. Er ist anscheinend jemand, der meiner Auffassung ist, dass Journalismus (vor allem) einen erklärerischen Ansatz verfolgen muss.

Die Politik scheint sich immer weniger darum zu scheren, ob eine Aussage auf Fakten basiert. Von Kittlitz greift beispielhaft die Lüge von Bundeskanzlerin Angela Merkel aus dem Jahr 2013 auf, dass gerade mit den USA über ein No-Spy-Abkommen verhandelt werde. Lügen seien in der Politik seit dem zweiten Weltkrieg verpönt gewesen, zumindest sollten sie nicht offensichtlich sein. Darum schere sich heute aber kaum noch jemand, lautet von Kittlitz´ These. Das zentrale Kriterium dafür, ob und wie etwas geäußert wird, scheine zu sein, ob es „angenehm“, also sympathisch wirkt.

Die Partei AfD macht sich diese Art der Meinungsmache besonders zunutze, analysiert der Zeit-Autor. Ob Aussagen getroffen würden, hänge vor allem vom erwarteten Zustimmungspotential ab. Spannend scheint dabei die Funktion sozialer Netzwerke und von Aggregatoren. So nutzen etwa Facebook und Google News bestimmte Algorithmen um politische Meinungen, die mit den Vorlieben des Nutzers besonders eng zusammenzuhängen scheinen, bevorzugt darzustellen. Bei Facebook sind davon auch die Kommentare betroffen. Dadurch wird die Strömung des „post-truth“ unterstützt.

Wenn man von „post-truth“ sprechen kann, handelt es sich also um einen sich selbst verstärkenden Mechanismus. Genutzt wird er vor allem von extremen Parteien. Sie profitieren davon, dass die Richtigkeit einer Aussage hinter deren gespürter „Sexyness“ zurücktritt. Sie weichen davon ab, dass „die demokratische Debatte [..] von belegbaren Fakten [lebt], über die Einigkeit herrscht. Die Auseinandersetzung entzündet sich dann an der Frage, was aus diesen Fakten folgt“ (von Kittlitz). Diese Einigkeit sei in der Debatte kaum noch wichtig. Darunter leidet ihre Qualität, da der gemeinsame Startpunkt fehlt.

Heute scheint es nötig zu sein, dass die breite Masse der Menschen eine Äußerung mit einem „Like“ oder einem „Don’t Like“ versehen kann. Dafür muss sie möglichst leicht verständlich und zumindest scheinbar nachzuvollziehen sein. Und sie muss den Geschmack der Leute treffen. Facebooks neue Zustimmungs-Kategorien „Lustig“, „Traurig“, „Verärgert“ und „Begeistert“ scheinen das perfekt zu unterstützen. Sie erleichtern, verkürzen und spitzen die Debatte gleichermaßen zu. Inhaltlich ähnliche Postings werden gezielt in der Timeline platziert. Sie bestätigen die eigene Haltung.

Diese Vereinfachung ermöglicht es Menschen mit geringem Bildungsniveau an Diskussionen „teilzunehmen“ und sie bestätigt zugleich ihre Haltung. Da abweichende Meinungen gezielt diffamiert werden, driftet die Debatte immer Richtung „ist gefährlich“ und „verursacht Angst“ ab. Eine schnelle Rückkehr zu einer wahrhaftigen Debattenkultur scheint angesichts von Trump und Co. derzeit unwahrscheinlich – auch deswegen, weil die „etablierten“ Parteien dieses System nicht zu verstehen scheinen und auch zu wenig in das „Zu-Ende-Erzählen“ von Sachverhalten investieren. Es bringt wohl keine Wählerstimmen.

Und eine derartige Debattenkultur ist ja auch von Nutzen. Sie vereinfacht es allen Akteuren, bestimmte Sachverhalte als wahr zu markieren und sie in die derart verkürzte Diskussion einzubringen. Da kommt einem der russische Staatssender RT in den Sinn, der die Haltung der russischen Regierung zu allen relevanten Themen vertritt. Und man erinnert sich an Gesetze, die zu bedeutenden Teilen von wirtschaftsnahen Akteuren verfasst wurden. Die politische Debatte hat sich von Willy Brandts „Mehr Demokratie wagen“ hin zu einer Art PR-Artikel entwickelt. „Post truth“ hat die Demokratie bereits verändert.

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Über Felix Buß

Die Welt ist für mich ein Pulverfass, das zum Ziel hat, mich zu explodieren. Georg Kreisler
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